Theater : Wenn Männer kochen

Consommé statt Konflikt: Das Grips Theater serviert David Gieselmanns Stück „Über Jungs“ fern aller Maskulinitätsklischees.

von
Ruckzuck hängt der Kiefer tiefer. Sebastian Achilles als cooler Victor.
Ruckzuck hängt der Kiefer tiefer. Sebastian Achilles als cooler Victor.Foto: David Baltzer

Menschen mit „Suche Karten“-Schildern stehen vor der Tür am Hansaplatz, ringsum macht sich trubelige Vorfreude auf die letzte Premiere dieser Saison im Grips Theater breit, „Über Jungs“ von David Gieselmann. Die erste Spielzeit des neuen künstlerischen Leiters Stefan Fischer-Fels neigt sich dem Ende zu. Eine, die sich sehen lassen konnte. Und in der das Haus am Hansaplatz dennoch fast baden gegangen wäre. Anfang Mai erst hatten sich die Berliner Parlamentarier dazu durchgerungen, dem notorischen klammen Grips die Subventionen um 100 000 Euro zu erhöhen – benötigen würde das unterfinanzierte Jugendtheater aber noch 50 000 Euro mehr. Immerhin, „ein Teilerfolg“, wie sich Gründervater und Geschäftsführer Volker Ludwig erleichtert vernehmen lässt. Bald wird ein Förderverein ins Leben gerufen. Und vielleicht schauen dann ja auch mal die Kulturverantwortlichen vorbei, um sich ein Bild von der quicklebendigen Gegenwart der Bühne zu machen.

Drinnen hängen die Pfannen wie Damoklesschwerter von der Decke. Und die vier Jugendlichen an den mobilen Küchenzeilen darunter ziehen Sauertopfgesichter. Kein Wunder, man hat sie in Overalls mit Gemüseaufdrucken gesteckt, Karotte neben Paprika neben Aubergine. Nichts, womit man in Harte-Kerle-Kreisen prahlen könnte. Victor, Sven, Konstantin und Leander haben Mist gebaut und sind vom missgelaunten Staatsanwalt (Thomas Ahrens) zu einem Anti-Aggressionstraining am Herd verdonnert worden, wo sie unter Führung der resoluten Christine Duvaldier (Regine Seidler) Consommé statt Konfrontation lernen sollen.

Was die Jungs auf dem Kerbholz haben, berichten sie zwischen zwei geschnittenen Zwiebeln. Der zornige Sven (Jens Mondalski) hat einen Asia-Quick angezündet, weil die chinesischen Wirtschaftsüberflieger seinen Vater den Job gekostet haben – allerdings war’s ein Sushi-Imbiss. Konstantin (Robert Neumann) soll einem Mädchen K.O.-Tropfen eingeflößt und versucht haben, sie zu vergewaltigen, spricht aber lieber von „Drogenexperimenten“. Der schnöselige Leander (Roland Wolf) fällt als Juwelierssohn aus dem Rahmen und hält sich für was Besseres. Er hat einen Obdachlosen vor die U-Bahn gestoßen. Der coole Victor schließlich (Sebastian Achilles) ist kein Freund großer Worte: „Auch U-Bahn. Gegucke, Provokation, Krankenhaus.“ Er war mal Kandidat bei „DSDS“, was den Kollegen den bewundernden Ausruf „Ey, du warst Bohlen?“ entlockt.

Und dann stößt noch Alex zur Kochlöffel-Runde. Der vermeintliche Er ist allerdings eine Sie (Nina Reithmeier), flink mit dem Messer wie mit dem Mund und eine echte Herausforderung für die hormonüberhitzte Restbelegschaft.

„Über Jungs“ – der Titel lässt an die gängigen Fatalismus-Berichte über das abgehängte Geschlecht denken, die Schulversager, Prügler und Psychofälle. Das Bühnenbild zeigt biologistische Bildmontagen: der Junge, der sich auf die Brust trommelt, daneben der Gorilla – Maskulinitäts-Klischees also, die Autor David Gieselmann in seiner Stückentwicklung mit dem Grips aushebelt. Er schreibt über Jungs mit Schwierigkeiten, nicht über Problemjugendliche mit XY-Erblast. Er trifft dabei einen Ton, der kunstvoll ist, auch satirisch, aber nie denunzierend. Gieselmann, berühmt geworden mit der blutigen Farce „Herr Kolpert“, versteht sich darauf, Realitäten ins Absurde kippen zu lassen. Kochen gegen Gewalt – solche Kurse gibt es ja wirklich, sie waren auch Grundlage der Recherche.

Die Schauspieler verdienen sich mit ihrer Spielfreude Herdprämien, die Regie ist unaufdringlich einfallsreich. Mina Salehpour, die vom Schauspiel Hannover kommt, legt ein hohes Tempo vor und überhöht die Szenen mit Spaß am Popzitat immer wieder ins Surreale. Salehpour zählt zum Team junger Regisseure, auf die Fischer-Fels als künstlerischer Leiter baut. Was das betrifft, muss man sich um die Zukunft des Grips nicht sorgen.

Grips am Hansaplatz, wieder am 25.5., 19.30 Uhr und am 5.6., 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar