Theater : Zaunkönige und Einfaltspinsel

Nackt, aber naiv: Das Berliner Theater entdeckt den Mann in der Krise – und spielt auf der Höhe der Zeit. Dem einfachen Mann kann aber von den hochkomplexen Frauen geholfen werden.

Christine Wahl
Samuel Finzi Foto: Tsp
Männerkrise: Samuel Finzi spielt im Theaterstück "Das Pulverfass" nach Dejan Dukovski und unter der Regie von Dimiter Gotscheff. -Foto: Tsp

Es seien immer die Falschen, die sich auf der Bühne ausziehen, klagte ein Kollege unlängst öffentlich sein Berufsleid. Wir Kritikerinnen bedauern ihn aufrichtig. Auch an uns wird ja einiges Unheil herangetragen. Aber dieses Problem gehört glücklicherweise nicht dazu. Uns stellt sich die Frage nach richtig oder falsch nicht, weil sich über kurz oder lang eigentlich alle ausziehen: In letzter Zeit etwa Alexander Scheer als „Kean“ und Othello, Devid Striesow als Doktor Astrow und als Lady Macbeth, Samuel Finzi als Frau Ubu, Wolfram Koch als Titus Andronicus sowie als Herr Ubu, Lars Eidinger als Partyanimateur im „Sommernachtstraum“, Ernst Stötzner als Duncan, Frank Büttner als Freier in der „Hure“, Thomas Dannemann als Macbeth, Henning Vogt als Agamemnon und so weiter und so fort. Genderpolitisch ist das Theater – nicht nur in Berlin – als frauenfreundliche Institution also gar nicht genug zu würdigen.

Leider geht mit diesem Körper-Strip auch ein Hang zum mentalen Offenbarungseid einher, und das sieht in den seltensten Fällen richtig gut aus. Zugegeben: An die zyklisch wiederkehrende Debatte vom „Mann in der Krise“ (schulische Ausbremsung durch Alphastreberinnen, vergleichsweise fragiler Gesundheitszustand, alarmierende Kriminal- und Suizidstatistik) hatten wir uns gewöhnt. Um ehrlich zu sein, waren wir sogar davon ausgegangen, die Talsohle der Männlichkeitskrise sei bereits 2006 erreicht worden, als die deutschen Leser des Männermagazins „FHM“ Jeanette Biedermann zum „sexiest woman in the world“ wählten.

Aber als uns jetzt, mitten in einem viel globaleren Crash, das Maxim Gorki Theater Berlin mit dem Slogan „Männer in der Krise“ aufschreckte, James Bond sich in „Ein Quantum Trost“ nicht mehr mit Martini auskannte, Jogi Löw einen Werbevertrag für Gesichtspflegekosmetika unterschrieb und der Berliner Soziologe und Männerforscher Walter Hollstein unter dem Motto „Was vom Manne übrig blieb – Krise und Zukunft des starken Geschlechts“ im Aufbau-Verlag ein aufrüttelndes Plädoyer für die männliche Gleichberechtigung veröffentlichte, sahen wir ein, dass die „männlichen Kategorien“ in den vergangenen zwölf Monaten noch einmal ganz besonders heftig ins Wanken geraten waren.

Lässt man unter diesem Aspekt das Jahr im Theater und anderswo Revue passieren, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Hollstein, dessen Horrorszenarien matriarchaler Vorherrschaft wir auf den ersten Blick für lustigen Science Fiction- Trash gehalten hatten, hat Recht: „Der Mann erscheint coram publico heute als verachtenswerte, eher eklige und auf jeden Fall defizitäre Kreatur. ... Was einmal in der öffentlichen Darstellung die ,Krone der Schöpfung‘ gewesen ist, erscheint nun als Latrine der Gegenwart.“

Ein Beispiel noch aus der vergangenen Spielzeit, ein Prototyp: In der Berliner Schaubühne rappte die „Krone der Schöpfung“ in atmungsaktiven Windelhosen über die Bühne. Thomas Thieme spielte – in gelegentlicher Überblendung mit den Figuren des großen Franzosen – den Komödienautor Molière und zeichnete über fünf kraftzehrende Stunden eine männliche Entwicklungslinie vom erfolglosen Onanisten zum desillusionierten Inkontinenzler. Anfangs redlich bemüht, gegen niederschmetternde Selbsterkenntnisse à la „Ich bin die Kackwurst im Porzellanbecken, ich hab’ geschissen, als würd’ ich sonst verrecken“ wacker anzurubbeln, reichte die Kraft am Ende nicht mehr bis zur rettenden Toilette. Einer für alle. Molière siecht als blasenschwacher emotionaler Pflegefall dahin.

Dagegen sieht die mentale Not im Maxim Gorki Theater zwar vergleichsweise adrett aus, weil sie sich mit einem semi transparenten spanischen Folklorehemd tarnte. Doch letztlich kann auch die gewagte Garderobe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich beim aufstrebenden Hauptstadt-Journalisten Clavigo (Paul Herwig) gleichfalls um eine Spielart des emotionalen Windelhosen-Typus handelt. Gepampert mit den strategischen Karriere-Einflüsterungen seines Kumpels von der einen und mit den Anforderungen seiner On-Off-Beziehung Marie von der anderen Seite, stolpert der Mann ohne Eigenschaften nicht nur ziellos und blass durchs Labern der Anderen, sondern auch vorzugsweise über seine Füße. Hinsichtlich der Zaungast -Rolle im eigenen Leben kann Clavigo seinem Midlife-Krisen-Kollegen Walter Faber (Peter Kurth) die Hand schütteln, der sich – ebenfalls im Gorki – mit freigelegtem Wohlstandsoberkörper von seiner Tochter und Geliebten Sabeth in anspruchsvolle Turnübungen verwickeln lässt.

Das für die Hollsteinsche Branche mit Abstand gefährlichste Krisensymptom des Jahres verbarg sich allerdings in Dejan Dukovskis „Pulverfass“, einer Koproduktion des Deutschen Theaters mit den Berliner Festspielen. In einem vorauseilenden, vom allgegenwärtigen „Hardcore-feministischen“ Gedankengut infizierten Gehorsam dekonstruierte sich der Macho hier gleich selbst. Und das mit Lust und Können. Da Samuel Finzi, Wolfram Koch und Co. nach drei Stunden fast nichts mehr von der Breitbeinigkeit passionierter Autobastler, Tresenprügler und winselnder Fremdgänger übrig gelassen haben, muss das niederschmetternde Jahresfazit lauten: Der einzige Ort, wo die „tradierte Männlichkeit“ noch ungebrochen über die Bühne schreitet, ist Claus Peymanns Berliner Ensemble.

In „Frühlings Erwachen“, der jüngsten Inszenierung des 71-Jährigen, lässt es der jugendlich-virile Melchior (Sabin Tambrea) tatsächlich nicht an Aggressivität fehlen, wenn er sich mit heruntergezogener Kniebundhose auf die artige Wendla (Anna Graenzer) wirft. Das Mädchen ruft daraufhin dreimal hintereinander Nein – erst verzweifelt, dann indifferent und schließlich kulleräugig verzückt – um sich und uns am Morgen nach dem vergewaltigungsartigen Quickie mit der Botschaft zu beglücken, sich in den sportiven Stoßer verliebt zu haben.

Peymann ist hier durchaus eine der modernsten Inszenierungen des Jahres gelungen: In der 2006 erschienen Shell-Studie ließen siebzig Prozent der deutschen Schüler wissen, sich keine emanzipierte Partnerin zu wünschen. Man darf die Peymann-Bühne damit auch künftig als letzten Hort der Männlichkeit empfehlen, die sich quasi ganzjährig gönnt, was sich die von den Geboten der political correctness verhuschten Finnen nur einmal im Jahr leisten. Nämlich, wenn sie in Sonkajärvi zur Weltmeisterschaft in der Disziplin des Frauentragens laden und dem Ersten, der nach einem 250 Meter langen Hindernislauf mit seiner geschulterten Partnerin die Ziellinie passiert, als Siegertrophäe das Gewicht der getragenen Frau aufgewogen in Bierfässern überreichen.

Nun gibt es natürlich die Querulanten von Gosch über Gotscheff bis zu den Stemanns und Co., bei denen es meist geschlechtsübergreifend komplex kriselt. Aber im Großen und Ganzen kann man das Berliner Theater durchaus beglückwünschen, der Welt 2008 ganz auf der Höhe der Gegenwart begegnet zu sein: Die jüngste SINUS-Jugendstudie, barmt die Männerforschung, attestiert heranwachsenden Jungs – im Gegensatz zu den Frauen – ein „deutliches Leiden an der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Dynamik der Gesellschaft“.

Und tatsächlich: Wo die männlichen Krisenfälle sich tendenziell auf eine Charakterfacette konzentrieren, verfügen die weiblichen Bühnenfiguren in der Regel über mindestens zwei. So darf zum Beispiel die nach dem Crossgender-Prinzip besetzte Frau Anatol (Jule Böwe) in Luk Percevals Schnitzler-Inszenierung an der Schaubühne sowohl laut als auch leise nölen. Ihre Hauskollegin Gertrud-Ophelia (Judith Rosmair) switcht in „Hamlet“ sogar zwischen zwei Frauentypen: der Heiligen (ohne Perücke) und der Hure (mit Perücke). Überhaupt hat sich für uns Frauen allerhand getan. So trägt in der Volksbühne Erotik nicht mehr zwangsläufig Minirock, Stringtanga und High Heels, sondern darf – siehe „Die Zofen“ – ihre Wirkung jetzt auch schuhlos in transparenten Strumpfhosen über alltagstauglichen Schlüpfern entfalten.

Da stellt sich uns emanzipierten, hoch komplexen Frauen, die wir nun überall an den Schaltstellen der Macht sitzen, die Frage: Wie können wir dem Mann aus der Krise heraus und auf unser Niveau emporhelfen? Vorschlag: Liebe Regisseure und Requisiteure, liebe Abendspielleiter, haltet für die nächste Spielzeit bitte dunkle Perücken bereit! Französische Wissenschaftler haben nämlich mittels Intelligenztests herausgefunden, dass Männer beim Anblick blonder Frauen unbewusst ihre Hirnaktivität senken. Im Fachjargon heißt dieses Phänomen „Anpassung an das vermutete Niveau des Gegenübers“. Es bleibt bei rot- oder dunkelhaarigen Frauen signifikant aus.

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