Theaterbetrieb : Aus der dritten Reihe bellen

Café Europa: Mit einem Festival für postmigrantisches Theater eröffnet das Ballhaus Naunynstraße.

Patrick Wildermann

Berlins neue Intendantin? Das klingt gut, das schmückt und verheißt Augenhöhe mit Castorf, Ostermeier, Petras und den anderen. Aber Shermin Langhoff, die zur Einweihung ihrer neuen Theaterheimat in Kreuzberg 36 mit Komplimenten, Glückwünschen und Begrifflichkeiten aus der Kulturbeletage überschüttet wird, lächelt und gibt, „mit Verlaub und Respekt“, das Wort an den Kulturstaatssekretär André Schmitz zurück: Intendantin, nein, bei aller Liebe.

Die Kiezbühne Ballhaus Naunynstraße, die dank Geldern aus der Lottostiftung nun in frischem Stuck und Putz erstrahlt, hat 99 Plätze und vorerst ein Budget von einer Viertelmillion pro Jahr, das ist unteres Off-Niveau, da ist kein Kräftemessen mit der ersten Liga möglich. Und das will Langhoff auch gar nicht. Die Frau mit dem markanten Hut versteht es, überzogene Erwartungen lässig abprallen zu lassen und gleichzeitig die eigenen Ansprüche selbstbewusst zu formulieren.

Nicht von ungefähr hat die künstlerische Leiterin sich einen Hund zum Wappentier ihres Theaters erkoren. Einen „Schwarzkopf“, wie sie ihn nennt. Mit dem Bastard-Begriff spiele das, es lasse an den Hundsstern Sirius denken, an den treuen Argos, den Gefährten des Odysseus, und natürlich an den Underdog. Ein ambivalentes Wesen eben, „insofern passend für die Kunst.“ Aus der dritten Reihe bellen, das wollen sie am Ballhaus. Gut möglich, dass man sie trotzdem hört.

„Dogland – Festival für junges postmigrantisches Theater“, so nennt sich das Eröffnungsprogramm der Langhoff-.Truppe. Und dass man nachfragt – Wie bitte, postmigrantisch? –, das ist durchaus in ihrem Sinne. „Der Mensch freut sich ja immer, wenn er kategorisieren kann“, lächelt sie im Gespräch in ihrem Büro, zwei Tage vor der großen Premiere, scheinbar unberührt von all der hektischen Betriebsamkeit um sie herum. Aber es gehe darum, das Schwarzweiß schlichter Zuschreibungen à la „deutschtürkisch“ mit der bunten und komplexen Realität zu konfrontieren. „Ich bin 38 Jahre alt“, sagt sie, „davon habe ich knapp 30 in diesem Land verbracht. Ich bin deutsche Staatsbürgerin, und von der Abstammung her nicht nur Türkin, sondern auch Tscherkessin, Perserin, Griechin.“

Das letzte Festival, das sie am Hebbel-Theater kuratiert hat, war betitelt: „Beyond Belonging – Jenseits von Herkunft.“ Langhoff will migrantische, entgrenzte Geschichten erzählen, und allein darüber kann man mit ihr einen Tee und zwei Zigaretten lang reden, sie holt aus, verweist darauf, dass der Homo Sapiens schon immer ein Wanderer gewesen sei, spricht über die Migration als Motor, gerade in der Kunst, ohne die es kein Mafia-Genre, keinen Western und kein europäisches Arthouse-Kino gäbe.

Shermin Langhoff hat von klein auf mit Ambivalenzen und Reibungen gelebt, die Großmutter trug noch traditionell Kopftuch, die Mutter zählte zu den ersten Abiturientinnen in der Kleinstadt an der türkischen Westküste, und großgezogen wurde sie von einer Tante, die Kommunistin und Atheistin war. Langhoff selbst bezeichnet sich heute als Agnostikerin – und es amüsiert sie, dass sie fortwährend zu Islam-Podien eingeladen wird.

Angst vor dem Islam, vor dem Fremden, das ist das Stichwort: Eine der ersten Aktionen der Langhoff-Ägide ist der Theaterparcours „Kahvehane – Turkisch Delight, German Fright?“, der durch anatolische Kaffeehäuser in Kreuzberg und Neukölln führt. Räume, in denen man ja finstere Parallel-Gesellschaften vermutet. Es ist nicht so, dass Langhoff dort Stammgast wäre, „meine Mutter etwa hasst die, weil mein Vater dort viel Zeit verbracht hat.“ Aber die Künstlerin, die den Übertritt ins Unbekannte bereits am HAU mit dem furiosen Projekt „X Wohnungen“ provoziert hat, stellte sich die Frage: „Wo sind Begegnungen möglich, die es so noch nicht gab?“

Ihre Kuratoren Tunçay Kulaoglu und Martina Prießner haben zwölf Künstler, mehrheitlich Theater- und Filmemacher, eingeladen, in diesen Cafés fünf- bis zehnminütige Perfomances aufzuziehen. Tolle Miniaturen sind da entstanden, die ironisch schale Begriffe wie Integration unterlaufen und die Beklemmung in Witz auflösen – oder, wie Nurkan Erpulats „Männersache“, radikal zuspitzen. Im Café N. N. in der Lenaustraße herrscht Saunahitze, man wird zu drei Männern an den Tisch gesetzt, deren Sprache man nicht versteht und deren Spiel man nicht begreift. Die raunzen einen an, lachen den Gast schallend aus, und dann beginnen sie sich zu entkleiden und formieren sich zu einem Chor der Nackten, während Schuberts „Winterreise“ erklingt. Fremd zieht man wieder aus. Großartig.

Draußen vor der Tür spielt die zweite Premiere des Eröffnungswochenendes, die Fusion zweier Stücke aus Nuran David Calis Heimattrilogie, „Café Europa vs. Dog eat Dog“ in der Regie von Mehdi Moinzadeh. Eine harte, pulsierende Nachtclubballade, befeuert von Beats und Schlägen, die um die Träume eines Türstehers kreist, den Asphalt ins Theater holt und gleichzeitig Kino-Atmosphäre beschwört. Auch Langhoff kommt ja vom Film, war unter anderem Assistentin bei Fatih Akin, der die Schirmherrschaft für „Dogland“ übernommen hat.

Das Ziel: Künstlern der zweiten, dritten Migranten-Generation ein Forum zu schaffen. Und sich, im besten Falle, in ein paar Jahren wieder überflüssig zu machen, wenn die sämtlich von den großen Häusern entdeckt wurden.

Quer über die Straße vor dem Theater ist ein Banner gespannt, auf dem steht: „Die Naunynstraße füllt sich mit Thymianduft, mit Sehnsucht und Hoffnung, aber auch mit Hass“, ein Zitat aus dem Gedicht „Was will Niyazi in der Naunynstraße“ von Aras Ören. Ein Versprechen.

„Kahvehane - Turkish Delight, German Fright?“: Wieder am 9. 11., ab 12 Uhr alle 15 Minuten. – „Café Europa vs. Dog eat Dog“: Wieder 9. bis 13. 11., 20 Uhr.

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