Theaterbücher : Buchempfehlungen für Bühnenbegeisterte

Theaterbücher haben es heute schwer, doch sie lohnen sich. Einige Neuerscheinungen, die von der Volksbühne zu Brecht bis ins moderne China führen.

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Bühne frei. Wer nach der Vorstellung mehr erfahren will, der ist bei einigen Neuerscheinungen gut aufgehoben.
Bühne frei. Wer nach der Vorstellung mehr erfahren will, der ist bei einigen Neuerscheinungen gut aufgehoben.Foto: dpa

Theaterbücher haben es heute schwer. Wenn das Theater selbst sich (in Deutschland) angesichts aller multimedialen „performativen“ Reize immer weniger für seine eigene dramatische Literatur interessiert – warum sollte es dann das Publikum tun: bei Büchern über dieses Theater? Allenfalls fernsehbekannte Schauspielstars ziehen da noch ein bisschen mit möglichst theaterfernen Darstellungen. Oder ein Claus Peymann mit seinem „Mord und Totschlag“-Panoptikum, das er selbst immer wieder nach Gusto auf der Bühne zelebrieren und am Büchertisch promovieren kann.

Es sind in Berlin vor allem die beiden kleinen, vifen Verleger Alexander Wewerka und Harald Müller, die im Alexander Verlag und in der Edition Theater der Zeit mit Cleverness, Wagemut und gelegentlich subventionierenden Kooperationen noch ein je eigenes, sich in den Inhalten und Konzeptionen gleichwohl, kein Wunder, auch überschneidendes Theaterbuchprogramm präsentieren. Und Pluralismus gilt schon im eigenen Haus.

Viel Hommage, kaum Grundsatzkritik

Wenn Peymann also bei Alexander mit „Mord und Totschlag“ Abschied feiert von seinem Berliner Ensemble und gut vier Jahrzehnten wechselnden Theaterdirektorzeiten, dann widmet man der eigentlich stark kontrastierenden „Republik Castorf“ gleichfalls noch einen Reader zum Ära-Ende (Alexander Verlag, 359 Seiten, 18 Euro).

Das von Frank Raddatz herausgegebene handliche Bändchen – Untertitel: „Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seit 1992“ – ist neben mancherlei schon vorhandenen Würdigungen Frank Castorfs die womöglich kompakteste. Und beste. Raddatz hat 20 Gespräche mit den Protagonisten des gerade vergehenden Volksbühnenvierteljahrhunderts geführt: u.a. mit dem zu früh verstorbenen Bühnenbildner Bert Neumann, mit Christoph Marthaler, mit Castorfs prägenden Dramaturgen Matthias Lilienthal und Carl Hegemann, mit dem Regisseur und Autor René Pollesch, mit dem Akteur und Regisseur Herbert Fritsch, den Schauspielern Sophie Rois, Henry Hübchen, Silvia Rieger oder Alexander Scheer. Und natürlich mit F.C. himself. Da gibt’s bei so viel Hommage natürlich kaum Grundsatzkritik. Aber dafür beste, intelligente Unterhaltung. Bei Marthaler erfährt man, dass zur Nachwendezeit seiner berühmten „Murx!“-Inszenierung noch 14 (!) Heizer im tiefen Bauch des Volksbühnentankers ihren Dienst versahen. Und wer dem alltäglichen Wahnsinn nachspüren will, der lese, was der Schauspieler Alexander Scheer über dieses „gefährlichste Theater der Welt“ erzählt.

Brecht wurde zur Ikone des modernen chinesischen Theaters

Unbedingt zu empfehlen ist ein Buch, das im Titel selbst eine Art Empfehlung enthält. Es ist Hans-Thies Lehmanns Essay-Sammlung „Brecht lesen“ (Verlag Theater der Zeit, 327 Seiten, 22 Euro). Gewiss gibt es hunderttausend Veröffentlichungen zum Thema B. B.. Aber dies ist eine ganz dringliche, weil der frühere Frankfurter, jetzt in Berlin lebende Theaterwissenschaftler Lehmann auf Brecht mit seinen an späteren Avantgarden (von den französischen Meisterdenkern bis Heiner Müller und Bob Wilson) geschulten Augen blickt: frei von ideologischem Clinch, voll poetisch-poetologischer Empfindlichkeit. Und mit wachem Sinn für Ambivalenzen. Nicht umsonst zitiert er Brecht darum mit den schönen Versen: „Die halbzerfallenen Bauwerke / Haben wieder das Aussehen von noch nicht vollendeten / Groß geplanten ...“ Wie jetzt des Theaterdichters eigene Werke.

Natürlich ist B. B., der sich seinerseits von asiatischen Vorbildern inspirieren ließ, auch eine Ikone des modernen chinesischen Theaters. Doch wer noch sehr viel mehr und oft Erstaunliches über die Geschichte und aktuelle Entwicklung der seit dem Ende der Kulturrevolution geradezu explosiv vielfältig wiedererwachten Szene zwischen Peking, Schanghai und Hongkong erfahren will, der sollte zu einem Band greifen, der dieser Tage erscheint: „Zeitgenössisches Theater in China“, herausgegeben von Cao Kefei, Sabine Heymann und Christoph Lepschy (Alexander Verlag, 440 Seiten, 34,90 Euro). Mit einer Fülle von Analysen, Bildern, Zeugenberichten eröffnet sich ein Panorama, wie es hierzu für westliche Beobachter noch kein vergleichbares gab.

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