Kultur : Theaterei, als Realismus getarnt

MEIKE MATTHES

Von einem zerstreuten Kindermädchen mit einem Roman-Manuskript verwechselt und in einer Handtasche verstaut, landete der verschlampte Säugling als Fundstück in einer Londoner Gepäckaufbewahrung.So jedenfalls dichtet es Oscar Wilde seinem "Bunbury"-Helden an - nicht gerade ein Zeichen von Kinderfreundlichkeit, befindet der britische Dramatiker Mark Ravenhill und nimmt diese böse kleine Andekdote zum Anlaß für einen gedanklichen Brückenschlag: "Handbag or The Importance of Being Someone" vergleicht die victorianische Gesellschaft, in der Mütter ihre Sprößlinge gleich nach der Geburt an Ammen und Nannies delegierten, mit unserer Zeit, in der immer mehr maßgeschneiderte Retorten-Babys in eine Welt der sich auflösenden sozialen Bindungen geworfen werden.Dennoch ist Ravenhills neues Stück - das die Londoner Actors Touring Company in einer vorläufigen, als Work-in-Progress definierten Form im Renaissance-Theater zur Uraufführung bringt - nicht der spekulative "Samenbankthriller" geworden, den manche befürchtet haben.Der Autor, ein rigoroser Moralist, erzählt auf vielfältige Weise von verlorenen, verratenen, verkauften - kurz: von ungeliebten Kindern.

Ein starkes Thema - und dennoch ein schwaches Stück.Es wird behindert durch einen sehr konstruiert wirkenden Plot, der stets bedient werden will und den Figuren, dem Stoff, den sie entfalten sollen, den Fragen, die sie aufwerfen, keinen angemessenen Spielraum läßt.Schon die Grundkonstellation ist reine Komödientheorie ohne Lebensnähe: Das lesbische Paar Suzanne und Mauretta plant zusammen mit dem schwulen Paar David und Tom eine kollektive Elternschaft über den Weg der künstlichen Befruchtung.Gleich in der ersten Szene, ein eher bemühter Witz, ringt Tom (Tim Crouch) sich im Nebenzimmer sein Erbgut ab, während die drei anderen sich und uns die Vorzüge ihrer eigenwilligen Familienplanung erläutern: Man kann ja nie genug Eltern haben.Nur nützen all die theoretischen Mamas und Papas einem in der Praxis gar nichts, wenn ihre polygames Leben sie so sehr in Anspruch nimmt, daß darüber das Wunschkind aus der Retorte in Vergessenheit gerät.Während Mauretta in den Wehen liegt, beginnt Suzanne (Julie Riley) ein Techtelmechtel mit der jungen Lorraine (Faith Flint), und der smarte Werbefuzzi David (Andrew Scarborough) läßt es sich vom drogensüchtigen Junkie Phil (Paul Rattray, die einzige authentische Figur) gehörig besorgen.Logisch, daß mitten im Blow Job das Handy klingelt und die Niederkunft kündet, schließlich sind wir, trotz Homosex und Spermaspende, immer noch im Boulevardtheater.Das merkt man vor allem dann, wenn Nick Philippous Aufführung ins victorianische Zeitalter hinüberblendet, das überwiegend als ungenierte Kostümklamotte in Erscheinung tritt.Das Wechselspiel zwischen Bigotterie und Libertinage, Prüderie und Promiskuität führt dazu, daß die Zeitebenen und Gesellschaftsformen einander recht effektvoll durchkreuzen.Schließlich engagiert der pädophile Waisenhausdirektor Gardew (aus der Oscar-Wilde-Welt) den Stricher Phil als Lustknaben, verliert ihn aber bald wieder an Lorraine, die der in Beziehungsprobleme verstrickten Viererbande das Baby geklaut hat.Der Versuch der beiden Underdogs, eine Familie zu gründen, in der sie ihre eigene beschädigte Kindheit wiederherstellen können, ist jedoch zum Scheitern verurteilt.Und die viktorianische Welt überläßt ihr ungewolltes Kind der Obhut des geächteten Päderasten, der sich, welch bitterer Zynismus, als letzer Kinderfreund präsentieren darf.Da wandelt sich das Melodram wieder zum moral play - und bleibt doch, bei allem zur Schau gestellten Realitätsgehalt, immer nur um sich selbst kreisendes Theater.

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