Theaterfestival auf der Schaubühne : Techtelmechtel fatal

Krzysztof Warlikowski, Thomas Ostermeier, Ivo van Hove: Die Schaubühne zeigt bei ihrem Festival neue internationale Dramatik und setzt dabei auf die Bearbeitung bewährter Vorlagen.

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Julie und ihr Chauffeur. Szene aus Ostermeiers Strindberg-Stück. Foto: Sergey Petrov/Schaubühne
Julie und ihr Chauffeur. Szene aus Ostermeiers Strindberg-Stück. Foto: Sergey Petrov/Schaubühne

Die Köchin köpft das Huhn, weidet es aus und brät die Innereien an. Dann kocht sie den Vogel im Topf zur Bouillon auf. Routineverrichtungen in einer chromblitzenden Luxusküche zwischen Austern und Champagner, im Close-up auf eine Videoleinwand übertragen. Nebenan wird Silvester gefeiert, aber für das Personal ist Alltagsdienst angesagt – vermutlich hat sich Köchin Kristina (Julia Peresild) längst daran gewöhnt, Suppen zuzubereiten, die für den Hund des Fräuleins Julie gedacht sind, einen reizenden Accessoire-Chihuahua.

Mit Thomas Ostermeiers Moskauer Inszenierung des Strindberg-Klassikers „Fräulein Julie“ ist das diesjährige Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) an der Schaubühne eröffnet worden. Die Fassung stammt von Michail Durnenkow, der die Mittsommernachts-Sextragödie in die russische Gegenwart krasser sozialer Kluften verlegt. Fräulein Julie (Tschulpan Khamatowa) ist die Tochter eines Ex-Generals, ihr Untergebener Jean (Jewgenij Mironow) Chauffeur und Tschetschenien-Kriegsveteran. Die Konflikte bleiben Strindberg im Herzen treu, im Detail sind sie lustvoll zugespitzt. Wo Jean der Herrschaft den teuren Wein stibitzt, überkommt die höhere Tochter angesichts des schmucken Proleten der Bierdurst. Da vertragen sich schon die Getränke nicht.

Ostermeier hat das Stück letzten Dezember zur Wiedereröffnung des Moskauer Theaters der Nationen herausgebracht, einer geschichtsträchtigen Tschechow- und Stanislawski-Bühne, die Theaterleiter und Schauspieler Jewgenij Mironow nur mit Kreml-Millionen renovieren lassen konnte. Politische Verstrickungen, die der Mann bald zu spüren bekam, als Präsidentschaftskandidat Putin Mironow inmitten aufwallender Demonstrationen gegen den Kreml als Aushängeschild vor seinen Karren spannte.

Von der verhängnisvollen Affäre zwischen Macht und Kunst erzählt Ostermeiers Inszenierung nicht – das wäre auch sehr aufgesetzt -, wohl aber von dem fatalen Techtelmechtel zwischen Oben und Unten. Der trunkene Flirt Julies mit ihrem Chauffeur verwandelt die Nobelküche des Bühnenbildners Jan Pappelbaum in ein schneeberieseltes Schlachtfeld aus geleerten Flaschen und geplatzten Träumen. Ihr schlussendlich pistolenbewehrtes Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung mag gendertechnisch fragwürdige Seiten haben (schon bei Strindberg). Aber stimmig inszeniert Thomas Ostermeier die Neufassung allemal. Auf diese psychologisch fein abgestimmten Beziehungs-Bestiarien versteht er sich. Und das fast ausschließlich russische Publikum in Charlottengrad überhäufte die Heimatstars mit Blumen und Präsenten.

Das Festival hat dieses Jahr wegen Budgetkürzungen ein eher spärliches Programm, im Wesentlichen drei Gastspiele, zwei Performances und ein Autorenprojekt. Statt neue Dramatik in szenischen Lesungen zu präsentieren, setzt es einen Schwerpunkt auf Regie-Autoren, die bewährte Vorlagen bearbeiten: Ivo van Hove zeigt mit seiner Amsterdamer Toneelgroep die Bearbeitung des Cassavetes-Films „Husbands“ über drei Männer in der Midlifecrisis. Und der polnische Regiestar Krzysztof Warlikowski gastierte mit seinen „Afrikanischen Erzählungen nach Shakespeare“ – einem überbordenden Abend von fünfeinhalb Stunden, der sich assoziativ von Shakespeare abstößt und die drei mehrfach gebrochenen Figuren König Lear, Shylock und Othello in einem Panorama zusammenführt. Das Ganze kurzgeschlossen mit Texten des südafrikanischen Schriftstellers J.M. Coetzee, die vor allem den duldsam-stillen Tragödienfrauen die Monologe aufladen.

Worauf Warlikowski mit diesem wortgewaltigen Bilderbogen hinauswill, erschließt sich nur wenig. Sicher, es geht um Ausgrenzung in all ihren Facetten. Was in Gestalt von schweinsmaskierten, Judenwitze erzählenden Faschisten versinnbildlicht wird. Oder im Othello-Part aufleuchtet, der rassistische Codierungen durchspielt und einen Schwarzen zeigt, der sich unter erhöhtem Außendruck mit Furor in die zugewiesene Rolle begibt. Aber wirklich stark wird Warlikowskis Abend erst, wenn er sich von den Vorlagen entkoppelt – und zu einer farcenhaft abgefederten Reflexion über Tod und Vergänglichkeit verdichtet. Frei nach Lears Dilemma mit dem Alter mündet das im hintergründig grinsenden Auftritt einer fitten Seniorensportgruppe.

Man kann den Machern dieses Festivals jedenfalls nicht vorhalten, sie hätten statt auf Shakespeare- und Strindberg-Variationen besser auf den schreibenden Nachwuchs gesetzt. Das Autorenprojekt „Hotel Bogota“, vom jungen Regietalent Jan-Christoph Gockel in Szene gesetzt, spricht deutlich dagegen. Das Hotel Bogota in der Schlüterstraße ist ein Haus mit bewegter Historie, unter anderem residierte hier die später im KZ ermordete Fotografin und Helmut-Newton-Lehrerin Yva. Nach dem Ende der Nazidiktatur fanden hier die Entnazifizierungsprozesse auf dem Kultursektor statt. Fünf junge Dramatiker hatten die Gelegenheit, an Ort und Stelle Szenen zu erfinden. Und kaum einem fällt mehr ein als harmloses, pointenverliebtes Beziehungsgeplänkel.

Dann lieber ein zündelfreudiges Fräulein Julie von heute, das ihrem Objekt der Begierde in Großaufnahme ein Staubkorn aus dem Auge leckt.

F.I.N.D. bis 11. 3., Schaubühne; „Hotel Bogota", noch einmal am 6.3., 21 Uhr; das ganze Programm: www.schaubuehne.de

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