Theaterfestival Avignon : Das Sägen der Zikaden

Zwischen Wort, Klang und Bild: Eine Bilanz des 69. Theaterfestivals in Avignon.

Eberhard Spreng
Hoch auf dem eisernen Wagen. Szene aus Valère Novarinas "Le vivier des noms".
Hoch auf dem eisernen Wagen. Szene aus Valère Novarinas "Le vivier des noms".Foto: Christophe Raynaud de Lage/Festival d'Avignon

Zu Beginn sollte ein Weltuntergang gezeigt werden. Zu sehen war in der „König Lear“-Inszenierung von Avignons Festivalchef Olivier Py dann aber nur eine hysterische Operette mit forciertem Gegenwartsbezug. Jetzt ist die Welt doch noch untergegangen – in „Retour à Berratham“, einem Abend des Choreografen Angelin Preljocaj mit einem bei dem Schriftsteller Laurent Mauvignier in Auftrag gegebenen Text. Preljocaj begeistert sich seit einigen Jahren für das Grenzgänge zwischen Tanz und Literatur.

Durch ein rußgeschwärztes Dekor wandert ein junger Mann auf der Suche nach den Orten seiner Kindheit. Vor allem sucht er Katja, eine junge Frau. Die Rückkehr nach Berratham kennt zwar Personen, überträgt ihnen aber eher Anteile am multiperspektivischen Prosatext als Dialoge. Die Schauspieler sprechen zeremoniell die Texte, die Tänzer illustrieren die Geschichte in Gruppenbildern, und obwohl sie in der Mehrzahl sind, bleiben sie Gefangene der Sprache.

Nach Jahren, in denen Avignon mit wirkmächtigen Bildfindungen auftrumpfte, will Oliver Py die Sprache in seinem zweiten Jahr als Direktor wieder ins Zentrum rücken. Das allerdings wollte nicht recht glücken. Viele Produktionen dauerten zwischen einer und anderthalb Stunden und waren wenig mehr als die Exploration einer Idee. Die Ausformung fehlte. So war unter der Regie von Nathalie Garraud „Soudain la nuit“ von Olivier Saccomano zu sehen, das sich selbst als dokumentarisches Theater versteht und gleichwohl die Situation einer in Quarantäne befindlichen Gruppe von Menschen auf einem internationalen Flughafen mit Mitteln des absurden Theaters fasst. Das war nett, aber doch höchstens die Skizze von Verhaltenstypologien unter extremen Bedingungen.

„Andreas“, nach dem ersten Teil von Strindbergs „Nach Damaskus“, hat der junge Jonathan Châtel im Hof des Cloître des Celestins eingerichtet. In abstraktem Dekor sind hier nur ansatzweise schauspielerische Entdeckungen zu machen. Die Regie bei dem Rumpfstück ist geradezu altmodisch. So gingen die stolz angekündigten neuen Namen in Avignon fast unter. Auch die von dem 29-jährigen Benjamin Porée inszenierte „Trilogie des Wiedersehens“ von Botho Strauß bleibt eine merkwürdig abgeklärte, unpräzis eingerichtete Szenenfolge ohne Seele. Ein neuer Konventionalismus ist hier am Werk. Man könnte auch sagen: Die jungen Braven erobern die Bretter.

Kindliche Wortspiele, virtuos perfektioniert

Nur einmal darf sich die Sprache bis zur Sinnfreiheit emanzipieren. In den Wortklangräumen des Schweizer Altmeisters Valère Novarina entsteht ein linguistisches sprachliches Paralleluniversum, das von tausend lustigen Stereotypen bevölkert wird. Man muss sich den inszenierenden Autor und Zeichner vorstellen wie ein großes Kind, das die fröhlichen Wortspiele eines Vierjährigen perfektioniert hat. Mit „Le Vivier des Noms“ ist ihm etwas entzückend Glanzvolles gelungen. Solche Augenblicke waren rar in Avignon, aber dringend nötig bei durchgängig sengender Hitze und dem Lärmen der Zikaden in einer Stadt, die auch im 69. Festivaljahr nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat und dem Theater immer wieder neue Räume öffnet, kleine Innenhöfe, Gärten, verwunschene Ecken.

Im Multifunktionstheaterbau eines Vorortes gewährte der Ägypter Ahmed el Attar einen knapp einstündigen Einblick in die gehobene Gesellschaft seines Landes. Familienmitglieder hinter einem ausladenden Tisch, auf dem Boden davor zwei Kinder. Hinter dem Tisch warten zwei Bedienstete auf den Einsatz. Mit einem Fingerschnipsen werden sie herbeigeholt und gemaßregelt. Man redet darüber, ob Shoppen in London oder in Paris netter ist und ob Amerika ein Vorbild ist. „The Last Supper“ ist eine Satire über ein Bürgertum, das sich die Welt und ihre Veränderungen frivol plaudernd vom Leib hält und Privilegien knallhart verteidigt.

Und noch ein Experiment. Der algerische Journalist und Autor Kamel Daoud schrieb mit „Meursault – Contre Enquête“ eine Entgegnung auf Camus’ berühmten Roman „Der Fremde“. Dem Mordopfer, bei Albert Camus nur der „Araber“ genannt, verleiht Daoud Namen und Geschichte, im Selbstgespräch des hinterbliebenen Bruders. Philippe Berling hat diesen Frankreichs Algerientrauma adressierenden Beitrag in einem geradezu folkloristisch anmutenden Dorfdekor inszeniert und die Mutter des Protagonisten zum Jammerweib verkitscht. Fast alle über das individuelle Schicksal hinausgehenden Betrachtungen des Romans sind getilgt. Während Daoud sich von Camus zu lösen vermag, versinkt die Theaterversion in einer verstaubten Ästhetik und politisch-kultureller Wirkungslosigkeit.

All die Probleme rund um das „Andere“, der Anschlag auf „Charlie Hebdo“, auf den Olivier Py das Festivalmotto „Je suis l’Autre“ gemünzt hatte, oder der gerade im Raum Avignon starke Front National – sie hätten hier einen Resonanzraum gefunden. So blieb die Arbeit symptomatisch für ein Festival, das seine Ziele nicht erreicht hat. Die Überraschung kommt zum Schluss. In einem Gastspielsolo spricht Fanny Ardant, begleitet von Orchesterklängen, Ausschnitte aus Christa Wolfs „Kassandra“. Da ist es auf einmal, das gute Literaturtheater, sauber gearbeitet, professionell eingerichtet und konzentriert gespielt.

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