Theaterfestival Avignon : Schlachtfeld und Schutzraum

Politisches Gegenwartstheater trifft reduzierte Klassiker: eine Bilanz des starken 70. Festivals von Avignon.

Eberhard Spreng
Szene aus "Tristesses" von Anne-Cécile Vandalem.
Szene aus "Tristesses" von Anne-Cécile Vandalem.Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Mitten in einer großen Ausstellungshalle in einem tristen Außenbezirk der Festivalstadt steht eine hoch aufragende Kulisse: Ihr Innenraum reproduziert den Rubenssaal im für Jahre geschlossenen Antwerpener Königlichen Museum der schönen Künste. Eine Reinigungsmaschine wird über das abgenutzte Parkett gefahren, zwei lange Leitern flankieren die über vier Meter hohe Kreuzigung von Rubens, dem einzigen verbliebenen Bild im Saal. Die Wandtapisserien sind bereits entfernt. Dieses letzte Gemälde soll nun auch den Saal verlassen, aber die Türen sind dafür nicht hoch genug.

Eineinhalb Stunden wird der Konservator mit diversen amüsanten Verrichtungen versuchen, das Gemälde unbeschadet aus dem Saal zu bringen, während von draußen Zeichen eines drohenden Untergangs hereindringen: der Lärm von Kampfhandlungen, ein Bürgerkrieg?

In ihrem wortlosen Stück „Het Land Nod“ (Das Land Nod) der Antwerpener Gruppe FC Bergman mischt sich Christoph Marthalers absurde Melancholie mit dem mystischen Realismus von Romeo Castellucci. In verspielten tänzerischen Elementen greift sie allerdings auch Jean-Luc Godards berühmten Rekordlauf durch den Louvre aus dessen „Bande à part“ auf. Nicht nur in diesem furiosen Moment wehren sich Museumswächter und -arbeiter mit rührender Hilflosigkeit gegen das Anfluten der profanen Welt gegen den Schutzraum des Bildes.

Ein Nackter ballert mit einem Maschinengewehr herum

Ein solcher Schutzraum gegen die politischen Zumutungen der Gegenwart sollte für zweieinhalb Wochen das 70. Festival von Avignon sein. Für Festivalleiter Olivier Py ist das Theater der eigentliche Ort des Politischen, abseits der Machenschaften professioneller Volksvertreter. Was aber meint das Politische auf der Theaterbühne? Über diese Frage zu meditieren, bot das Festival diverse Anlässe.

Mit einem mächtigen Endbild hatte bereits die Eröffnungsinszenierung die Theaterschau eingeläutet. Da hatte ein nackter Mann sich ein Maschinengewehr geschnappt und Salven ins Publikum gefeuert. Das war zwar in den „Verdammten“ nach Viscontis Film von 1969 eigentlich ein forciertes, falsches Ende, schien aber das Festivaltheater schlagartig mit der von Gewalt geprägten Gegenwart zu verbinden. Eine Woche später brachte Lars Norens Stück „20. November“ in Sophia Jupiters Regie und exzellent verkörpert von dem schwedischen Schauspieler David Fukamachi Regnfors Licht in die Psyche des Amokläufers von Emsdetten 2006. Wenige Stunden nach dieser Premiere am 14. Juli holte die Wirklichkeit das Theater auf der Promenade des Anglais in Nizza ein.

Die Inszenierungen spiegeln Wut, Hass und Selbstekel

Das Theater aber kann die ihm eigene Fähigkeit zu komplexer Erzählung verlieren, wenn es nichts weiter tut, als mediale Bilder und Plots ins Theater zu spiegeln. Selten waren auf den Festivalbühnen so viele Videoleinwände im Einsatz, selten so viele filmähnliche Soundtracks zu hören, selten so viele Appelle ans Gefühl zu erleben. Auf einer der Debatten in den Ateliers de la Pensée, der Denkwerkstatt des Festivals, wurde denn auch das Ende der Aufklärung beklagt, dass unsere Epoche das Primat der Vernunft medial und kulturell aufgegeben hat und Emotionalisierungen freien Lauf lässt.

Wut, Hass und Selbstekel gehörten zu den Gefühlen der Künstler. Angelica Lidells „¿Que haré yo con esta espada?“, ein über vierstündiger, geradezu wütend provozierender Bildersturm und exhibitionistischer Furor, der die letzten Reste von Scham und Tabu schleifen will. Der chilenische Autor und Regisseur Marco Layera zeichnet in der vom Hebbel am Ufer in Auftrag gegebenen und dort für den Spätsommer programmierten Arbeit „La Dictatura de lo Cool“, der Diktatur der Coolness, das grelle Porträt einer Klasse, deren Leben gleichermaßen von Reichtum und Rebellion geprägt ist.

Zu den Bobos, den linken Gutverdienern mit sozialem Bewusstsein zählt sich Layera und seine Theatermitstreiter im Übrigen selbst. Sie profitieren von einem System, dessen schädliche Auswirkungen sie gleichzeitig klar erkennen. Der so unvermeidlich entstehende Widerspruch entlädt sich im Gefühl des Selbstekels. In Marco Layers bunter und burlesker Inszenierung löst sich dies letztlich in einem blutigen Endbild auf: Die Akteure verlassen den Kunstraum, treten, von der Videokamera begleitet, nach draußen, wo sie in einem Blutbad umkommen. Es läuft eine neue Rebellion, die nicht mehr die ihre ist und deren Akteure unsichtbar bleiben.

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