Theaterfestival in Avignon : Kaum Applaus für Castorf

Die "Norden"-Inszenierung von Regisseur Frank Castorf ist beim Festivalauftakt in Avignon auf wenig Begeisterung gestoßen. Die ersten Zuschauer verließen bereits nach dem ersten Drittel die Aufführung.

Sabine Glaubitz[dpa]
Castorf-Inszenierung in Avignon Foto: AFP
Castorf-Inszenierung "Norden" in Avignon. -Foto: AFP

AvignonMit wenig Begeisterung ist in Avignon die "Norden"-Inszenierung des deutschen Regisseurs Frank Castorf aufgenommen worden. Die ersten Zuschauer verließen bereits nach knapp 60 Minuten die dreistündige Aufführung, mit der am Freitag das 61. Theaterfestival in der französischen Stadt eröffnet wurde. Am Ende des Stücks - einer Dramatisierung des Romans des französischen Schriftstellers und Kollaborateurs Louis-Ferdinand Céline(1894-1961) - gab es nur zurückhaltenden Applaus. Castorf hatte, wie schon häufig, auf wildes Theater mit viel Krach, Geschrei und Videos gesetzt. Zu Beginn wurde daher vorsorglich gegen den Lärm von Maschinenpistolenfeuer Ohrenschutz verteilt.

Das Stück "Norden", das der wegen Antisemitismus umstrittene Céline am Ende seines Lebens geschrieben hatte, beschreibt seine Flucht in den letzten Kriegsjahren durch das stark zerstörte Deutschland. Als einzige Kulisse diente denn auch ein riesiger Eisenbahnwagen, der auf der Bühne ständig hin und her geschoben wurde - ein Symbol der Reise Célines unter anderem nach Berlin und Baden-Baden, aber auch der Deportation Tausender von Juden.

In "Norden" finden sich typische Verfremdungstechniken von Castorf wieder: Videos und Filmausschnitte. So werden öfter Sequenzen aus Verfilmungen des Lebens und Leidens von Jesus Christus gezeigt. Das Symbol des Kreuzes spielt auf Céline an, der sich selbst als Opfer sah, als "schwarzes Schaf" der Geschichte: Als französischer Nationalist hatte der Schriftsteller und Stabsarzt, der in Vichy arbeitete, nichts mehr in Frankreich zu suchen. Und in Deutschland, wo das System vor dem Zusammenbruch stand, war der ausländische Kollaborateur unerwünscht.

"Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen"

So wird Céline herumgereicht und irrt durch eine Welt der Verzweiflung und des Untergangs, in der ständig geschossen, gesoffen und gehurt wird. Die zum Teil sehr vulgäre Sprache hat Castorf beibehalten und sie durch fremde Texte wie der Goethe-Ballade "Erlkönig" ergänzt. Da Céline die Sätze in seinen Romanen gern mit drei Punkten beendet, schreien die Schauspieler, die keine eindeutige Romanfigur verkörpern, auch öfter im Chor "Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen". Die Dialoge und Texte gehen in der lauten Musik, dem ohrenbetäubenden Lärm von Maschinenpistolen und Möbeln, die zertrümmert werden, unter, obwohl sie geschrien werden.

Zur Aufführung des Dramas, das vor wenigen Wochen bei den Wiener Festwochen Premiere feierte, war auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gekommen. Er ist gleichzeitig Beauftragter für die deutsch-französischen Kulturbeziehungen. Castorf, Intendant der Berliner Volksbühne, war bereits 2004 mit "Kokain" in Avignon zu Gast.

Weitere Höhepunkte des Festivals, das bis zum 27. Juli dauert, sind Theater- und Tanzstücke von Ariane Mnouchkine, Rodrigo García, Valère Novarina und Sasha Waltz. Zu den Werken, die im Ehrenhof des Papstpalastes gezeigt werden, gehören "Hypnos" von René Char in einer Inszenierung von Frédéric Fisbach sowie das Shakespeare-Drama "König Lear", das von Jean-François Sivadier neu in Szene gesetzt wird. Insgesamt stehen auf dem Programm des dreiwöchigen Festivals mehr als 30 Veranstaltungen.

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