Theaterfestspiele Reichenau : Oh, wie schön ist Kakanien!

Österreich, richtig retro: Ein Spaziergang über die Theaterfestspiele in Reichenau, wo jeden Sommer Stars der Wiener Bühnen zu erleben sind.

Stefan Schomann
Ella Rentheim (Julia Stemberger) und Borkman (Martin Schwab) in der Inszenierung "Bankier Borkman".
Ella Rentheim (Julia Stemberger) und Borkman (Martin Schwab) in der Inszenierung "Bankier Borkman".Foto: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Vergangenheit kann eine Droge sein; Österreich genießt sie hochdosiert. Reichenau an der Rax, eine alte Sommerfrische in den Wiener Bergen, gilt als eine exemplarische Stätte dieses Kultes, seit 28 Jahren richtet es die größten Theaterfestspiele des Landes aus. Jeder Sommer bringt vier Premieren mit den Stars der Wiener Bühnen. Wenn im Frühjahr die ersten Plakate ausgehängt werden, so dauert es nicht lange, bis eine weiße Schärpe quer darüber prangt: „ausverkauft“. Es klingt weder triumphierend noch bedauernd, sondern zeigt lediglich eine gegebene Sache an. So ist es eben, und so ist es immer. Sie könnten es auch gleich auf die Plakate drucken.

Renate und Peter Loidolt sind die geistigen Eltern dieser Erfolgsgeschichte. Zwei Theaternarren, durchaus liebenswürdige und geschäftstüchtige Narren freilich, die zunächst einen Kulturverein ins Leben riefen, um das überreiche Erbe des Tals zu erwecken. Von Beginn an trug das Festival sich größtenteils selbst. Dramaturg Hermann Beil, der hier gerade den „Professor Bernhardi“ inszeniert hat, schwärmt gar vom „Reichenauer Wunder“. Mögen andere die Kultur zusammenstreichen, du, glückliches Österreich, festspiele. Ein Bergdorf, das nicht mehr Einwohner zählt als Ziesar oder Erxleben, stemmt ein Festival, das doppelt so viele Besucher anzieht wie das Berliner Theatertreffen. Darin manifestiert sich eine spezifisch österreichische Leidenschaft und die sie tragende – und zugleich von ihr getragene – Schicht, das Bildungsbürgertum.

Ein Stelldichein der Kaffeehausbesitzerinn, Fabrikanten und Galanteriespengler

Vor dem Festspielhaus, dem einstigen Dorfkino, gibt legere Eleganz den Ton an. Die Herren im Sommeranzug, die Damen ad libitum, bis auf die obligate Perlenkette. Geblümtes wird zur Schau getragen, hie und da sticht Pink hervor, Zebras und Leoparden schleichen umher, mitunter mischt sich ein Dirndl drunter. Die Venus von Willendorf kommt im großen Schwarzen. Dazu Requisiten wie Strohhut, Fächer oder Gehhilfe. Über dieser in Ehren ergrauten Gesellschaft liegt ein Abglanz von Kakanien: die Kaffeehausbesitzerin, der Lusterfabrikant, der Galanteriespengler. Es zeigt sich auch mal der Landeshauptmann oder der Bischof. Doch niemand macht ein Aufhebens davon.

Österreichs Schwerindustrie ist die Kultur. Sie besitzt in der Gesellschaft einen Stellenwert wie nirgendwo sonst. Die Zeitenwende nach dem Ersten Weltkrieg hat ihre Bedeutung noch gestärkt. Politisch mochte Österreich verspielt haben, doch geistig konnte es noch immer Großmacht sein.

Die Rax und der benachbarte Semmering, dessen charismatisches Südbahnhotel bis vor Kurzem als zweite Spielstätte diente, waren die Magnetberge der Wiener Moderne. Ein literarisches Alpinum, bestückt mit allem, was um die Jahrhundertwende Rang und Namen hatte. Schnitzler schuf hier „Leutnant Gustl“, Werfel ersann seinen Verdi-Roman, Musil rang mit dem „Mann ohne Eigenschaften“, und während ein gewisser „Zweig, Stefan, Privatier“ sich ins Fremdenbuch eintrug, zog es Peter Altenberg mit Macht ins Kindheitsparadies zurück: „ohne Reichenau kein Sommer, kein Leben, kein Glück“. Hofmannsthal radelte stramm, Doderer frönte dem Tennisspiel, Freud erklomm die Rax. Schönberg komponierte hier die „Verklärte Nacht“, Berg legte letzte Hand an den „Wozzeck“, und Alice von Herdan, nachmalige Zuckmayer, unterrichtete Rudolf Serkin.

In der Ära Peymann wurden die Festspiele zum "Gegenburgtheater" stilisiert

Man könnte in Verehrung erstarren – und genau das ist das Problem. Gegen die übermächtige Welt von gestern ist kaum anzukommen. Altösterreichische Literatur bildet denn auch das Rückgrat der Festspiele, dargeboten von den Publikumslieblingen, wenn möglich in heimischem Zungenschlag. Dabei gibt „Schauspielertheater“ (seelenvoll und sublim) den Ton an, in Abgrenzung zum „Regietheater“ (aufdringlich, schroff, reißerisch).

Auch wenn die Macher es selbst nicht darauf anlegten, wurden die Festspiele in der Ära Peymann zum „Gegenburgtheater“ stilisiert, zum Schmollwinkel der Ureinwohner, die hier ihr Missfallen über die feindliche Übernahme durch die Piefkes zum Ausdruck brachten. Ironie der Geschichte, dass der einstige Bürgerschreck in Berlin längst selbst als Kulturkonservativer auftritt. Erst kürzlich ließ Peymann wieder eine Brandrede gegen die „Literaturzerstörung“ in den Theatern los, die zu „Event-Schuppen“ verkommen seien. Wo ist denn nun vorne und wo hinten?

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