"Theaterformen" : Zirkus, Reggae und Pornographie

Ein französischer Zirkus, Reggae aus Brasilien oder die mit Spannung erwartete Uraufführung des Dramas "Pornographie" - die zweiwöchigen "Theaterformen" starten am Sonntag in Hannover.

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HannoverNie zuvor in der Geschichte des viertgrößten deutschen Theaterfestivals gab es so viele Deutschland-, Europa- und sogar Weltpremieren - 14 Produktionen werden gezeigt. Dem neuen künstlerischen Leiter Stefan Schmidtke stand ein Etat von mehr als 1,3 Millionen Euro zur Verfügung. Lange war die Zukunft des Festivals wegen knapper öffentlicher Kassen unklar, doch nun hat das Land Niedersachsen die Grundförderung bis 2010 gesichert.

Der 38 Jahre alte Schmidtke verpflichtete zum Neustart der "Theaterformen" neue Gesichter: Film- und Fernsehgrößen aus Südafrika oder Brasilien sind zu sehen, unter anderem auch in einer Inszenierung eines deutschen Starregisseurs. So bringt Frank Castorf das Stück "Der schwarze Engel" des brasilianischen Nationaldramatikers Nelson Rodrigues auf die Bühne (Uraufführung 23. Juni). In dem Drama über Rassenkonflikte besetzt Castorf die schwarzen Figuren mit weißen Schauspielern und umgekehrt. Als weitere Verfremdung fügt er Auszüge aus Heiner Müllers Stück "Der Auftrag" ein. Darin geht es um den scheiternden Exportversuch der französischen Revolution nach Jamaika.

Episoden-Drama über Anschläge in London

Mit Sebastian Nübling inszeniert ein zweiter Regisseur aus der ersten Liga der deutschen Theatermacher. Weil ihn dessen Arbeiten beeindruckt hatten, schrieb der erfolgreiche britische Dramatiker Simon Stephens im Auftrag des Deutschen Schauspielhauses Hamburg eigens ein Stück für Nübling. In "Pornographie" geht es nicht, wie der Titel vermuten lässt, um das Geschäft mit Sex, sondern um die Nacktheit und das Ausgeliefertsein im Alltag. Das Episoden-Drama spielt am 7. Juli 2005 in London, als vier Terroristen eine U-Bahn sprengten und 52 Menschen starben. "Pornographie" wird am 15. Juni im Schauspielhaus Hannover uraufgeführt.

In der Tradition der früheren "Theaterformen"-Leiterin Marie Zimmermann, die im April starb, hat Schmidtke unter dem Titel "Culture is Our Weapon" (Kultur ist unsere Waffe) eine Internationale Theaterwerkstatt eingerichtet. Die brasilianische Künstlergruppe "AfroReggae", die mit Hilfe ihres Musikprojekts den Slums entkam, trommelt in einem Workshop mit sozial benachteiligten Jugendlichen aus Hannover. Das australische "Back to Back Theatre" improvisiert mit behinderten Menschen aus der Region.

"Festival für Entdecker"

Zum Auftakt des Festivals wird ein großes Zirkusfest gefeiert: Am Abend präsentiert sich "le Cirque désaccordé", ein verrückter Theater-Zirkus aus Marseille, erstmals in Deutschland. "Ich möchte ein Festival für Entdecker machen", sagt Schmidtke, der zuvor Kurator bei den Wiener Festwochen war. Er wolle Akademiker in den Zirkus bringen und Kinder aus Jugendclubs, die noch nie im Theater waren, ins Schauspielhaus. "Ich weiß, das ist ein bisschen größenwahnsinnig." Seit diesem Jahr werden die "Theaterformen" nicht mehr im Zwei-Jahres-Takt, sondern jährlich im Wechsel in Braunschweig oder Hannover veranstaltet. (mit dpa)

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