Kultur : Theatergastspiel aus Tel Aviv zeigt in Weimar Hanoch Levins "Mord"

Hartmut Krug

Täter sind Opfer, Opfer sind Täter, Gewalt provoziert Gewalt, Leid schafft Leiden, Leiden gebiert neues Leid. Hanoch Levin, der vor einem Monat verstorbene große israelische Dramatiker, hat mit "Mord" ein erbarmungsloses, ein menschliches Stück geschrieben. Umstritten wie umjubelt in Israel, hat Omri Nitzans Inszenierung am Cameri Theater Tel Aviv seit 1997 fünf Theaterpreise erhalten. Auch beim Gastspiel im Deutschen Nationaltheater Weimar beeindruckten Stück und Inszenierung bis zur Beklemmung. Seine heftige, mit drohender Musik unterlegte, gewalttätige Inszenierung sei als Kommentar zu einer lauten, krassen israelischen Gesellschaft zu verstehen, sagte der Regisseur.

Schwarz der leere Bühnenkasten, nichts lenkt ab vom Menschen. Nur Sand rieselt vom Himmel. Drei israelische Soldaten, zwischen ihnen am Boden ein weiß verhüllter Körper, ein Palästinenser. Sie foltern ihn. Levin begründet israelische Gewalt nicht mit vorhergehendem palästinensischen Terror. "Du und ich und der nächste Krieg, wir sind immer zu dritt", singt ein ermordetes Brautpaar in einer Traumsequenz. Und das Folteropfer fragt mit dem Lied (das aus einem alten, gegen die 6-Tagekrieg-Euphorie protestierenden Stück Levins stammt) seinen Vater, warum dieser ihn in den Krieg geschickt, ihn geopfert habe.

Die Folterer staunen fasziniert und hilflos zugleich über die Gewalt, die sie ausüben, und über die Macht, die sie mit ihr besitzen. "Seht doch, wie er euch ähnlich ist", ruft der Vater vergeblich. Und dann ist Frieden, und der Vater nimmt Rache. Wenn er einen der Soldaten Jahre später als Bräutigam aufgespürt zu haben glaubt, agiert er als weinender Getriebener. Er erschießt das Brautpaar, das sich aus (recht offenherzig dargebotenen) erotischen Gründen zurückgezogen hatte. Zuvor vergewaltigt er die jungfräuliche Braut: die Opfer sind weiß, doch Schuld oder Unschuld sind nicht das Thema. "Ich werde diesen Durst, zu töten, nie stillen können. Ich pfeife auf alles." Leben und Morden erscheinen gleichermaßen nur noch als sinnlos.

Schließlich ein Moment Stille, mit einem Mann im Schlafanzug und dessen Sehnsucht "nach einem einzigen langweiligen Monat, richtig wie in der Schweiz". Dann ein kurzes Satyrspiel, mit einem palästinensischen Bauarbeiter als Spanner am Stadtrand: eine derb groteske Szene mit einer Prostituierten. Als eine Bombe explodiert, stechen Hände, Füße und andere Körperteile durch die Rückwand, und mit ihren Kolleginnen "explodiert" auch die Prostituierte, hinein in einen Gewaltexzess. Mit Knüppeln, Messern und einer Elektrosäge bringen sie den Spanner als vermeintlichen Terroristen zu Tode. Wenn die Prostituierte in den abgetrennten Kopf des Palästinensers uriniert, bekommt die Szene durch Omri Nitzans sensibel-prägnante Regie nichts Spekulatives, sondern eine nahezu shakespearesche Wucht.

Levin zeigt Menschen auf der Suche: nach dem Vater, nach einer moralischen Mitte, nach einem Sinn. Doch Angst und Gewalt, Sinnleere und Verzweiflung treiben die Gewaltspirale unentwegt weiter. Die Inszenierung, die so viel unbegriffene und unbegreifbare Gewalt zeigt, ist selbst eine unerbittliche Botschaft gegen die Gewalt. Schon dadurch, dass hier, unüblich genug für Israel, arabische und jüdische Schauspieler gemeinsam auftreten. Geschrieben in Englisch, wird das Stück in Hebräisch gespielt (in Weimar mit einer Übertitelung, die immerhin eine Ahnung auch von der poetischen Sprachkraft Hanoch Levins vermittelte). Arabische Schauspieler spielen die palästinensischen, jüdische Schauspieler die jüdischen Rollen. Bei den Proben wurde viel und heftig diskutiert, berichtete das Ensemble in Weimar: schon diese Zusammenarbeit sei eine entscheidende Botschaft.

Zur Podiumsdiskussion blieb der größte Teil des Weimarer Publikums. Unter Leitung von Peter von Becker, Feuilletonchef des Tagesspiegels, wurde über die Rolle des Theaters in der israelischen Gesellschaft informiert. In welcher Weise das israelische Theater mit zeitgenössischen Stücken wie Levins "Mord" auf die Gesellschaft und die Politiker zu wirken vermag, schilderte Mordechai Vishubski, Stellvertretender Bürgermeister von Tel Aviv, der zugleich souverän aus dem Hebräischen und Englischen übersetzte.

"In mir birgt sich eine ganze Welt von Träumen", sagt der mordende Vater auf seinem Rachefeldzug einmal. Welche Träume die Kinder haben können, die am Schluss im Sand (auch mit Knochen) spielen, entscheidet die Gesellschaft. "Der Krieg steht vor der Tür." Mit dieser Fernsehnachricht entlässt uns ein illusionsloser Hanoch Levin.

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