Theaterkritik : Die Liebe im Papageienkäfig

Mit Starbesetzung: Armin Holz bringt „Was ihr wollt“ ins Berliner Renaissance-Theater

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Herr mit Hund. Markus Boysen als Sir Toby Belch führt Hans Diehl als Sir Andrew Aguecheek an der Leine spazieren. Foto: DAVIDS/Huebner Foto: DAVIDS
Herr mit Hund. Markus Boysen als Sir Toby Belch führt Hans Diehl als Sir Andrew Aguecheek an der Leine spazieren. Foto:...Foto: DAVIDS

Wenn der Regisseur Armin Holz in unregelmäßigen Abständen eine Theaterinszenierung herausbringt, hebt im deutschsprachigen Blätterwald regelmäßig ein dankbares Raunen an. Seit fast zwanzig Jahren gilt Holz als Ausnahmeregisseur, gerade weil er verhältnismäßig selten inszeniert, sich angeblich jahrelang auf seine Produktionen vorbereitet, die dann entweder in Eigenproduktionen oder am Rande des subventionierten Theaterbetriebes zu sehen sind. Holz, so das Raunen, verachtet das Stadttheater. In Stadttheatern arbeitet er eigentlich nur, um sich von diesen Unorten des Mittelmaßes sogleich wieder zurückzuziehen, denn zwischen den Zahnrädern des Betriebs werde jegliche Poesie, jegliche Sensibilität zerrieben. Sein Wirken in der künstlerischen Leitung des Bochumer Schauspielhauses, in die er 2005 eintrat, endete mythosgemäß, also: vorzeitig.

Dieses Mal war das Raunen besonders laut, denn Armin Holz brachte für Shakespeares „Was ihr wollt“ auch gleich die „Crème de la Crème“ (Programmheft) der deutschen Schauspielzunft auf die Bühne. Ilse Ritter! Dieter Laser! Hans Diehl! Vadim Glowna! Elisabeth Trissenaar! Markus Boysen! Angela Schmid! spielen. (Peter Fitz! und Jutta Lampe! hätten spielen sollen.) Shakespeares Liebesverwechslungskomödie, ausschließlich von Damen und Herren über sechzig gegeben! In der Rolle des Narren: Gitte Haenning (die mit dem Cowboy als Mann). Außerdem zeichnet der momentan sehr hippe Maler Matthias Weischer (zusammen mit dem Regisseur) für Bühne und Kostüm verantwortlich. Kurz: Schon bevor der Vorhang hochgeht, gilt die Inszenierung als „ein Stück Theatergeschichte“ (Programmheft). Vielleicht ist die Kunst der Bedeutungshuberei tatsächlich Armin Holzens größtes Talent. Denn zu den Ritualen des Medienechos gehört auch, dass die Rezensionen dann meist wesentlich kürzer ausfallen als die Vorberichte.

Nach der Marler Uraufführung im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen steht das All-Star-Team nun auf der Bühne des Renaissance-Theaters und macht vor allem eines: übertriebene Miene zum albernen Spiel in grotesker Verkleidung. Armin Holz hat einen exzentrisch verschwurbelten Papageienabend zusammengestellt. In diesem Käfig der Stilisierung wird viel gegackert, manchmal aufgeregt mit den Flügeln geschlagen – und alles ist sehr, sehr bunt. Dieter Laser, der „1961 von Gustaf Gründgens entdeckt wurde“ und mit Peter Stein an der Schaubühne arbeitete, ist Orsino, der Herzog von Illyrien. Er liebt Olivia, die aber nichts von ihm wissen will, weshalb er immer wieder seinen Pagen zu penetranter Werbung vorbeischickt. Der Page ist in Wirklichkeit die verkleidete Viola, die als solche den Herzog liebt, als Page aber von Olivia begehrt wird. Das Maskenspiel löst sich in Wohlgefallen auf, als schließlich Violas Zwillingsbruder Sebastian auftaucht. So bekommt jeder doch noch den, den er wollte, ungefähr zumindest.

Vorher schnürt Dieter Laser in einem purpurnen Herrschermantel mit weißem Kunstfellkragen erregt über die Bühne, kurbelt mit pathetischen Stummfilmgesten sein Leid heraus und sieht dabei aus, als würde er einen Rumpelstilzchenchor dirigieren. Markus Boysen ist Sir Toby Blech, der als geckenhaftes Abziehbild eines adligen Schmarotzers nicht nur mit einem meerblauen Spazierstock herumfuchtelt, sondern auch Hans Diehl als Sir Andrew Aguecheek an einer langen rosa Leine wie einen Hund hinter sich herführt. Dass auch dieser es auf Olivia (Elisabeth Trissenaar) abgesehen hat, bekommt man freilich kaum mit, weil er ständig lustige Sachen machen muss, Sir Toby ans Bein pinkeln zum Beispiel oder herumhüpfen wie ein Frosch oder sich die Haare raufen, dass sie ihm wie unter Strom vom Kopf stehen. Da können Shakespeare- Worte leicht untergehen.

Auf der einen Seite werden die Figuren und ihre Gefühle also zu keiner Sekunde ernst genommen, sondern an den Effekt verkauft. Auf der anderen Seite hat Holz den Text so stark gekürzt, dass sich die Zusammenhänge der Verwicklungen nur dem erschließen, der die Vorlage gut kennt. Das Geschehen wird verschmunzelt und verrätselt zugleich und immer wieder von der sonettsingenden Gitte unterbrochen, die ihre kurzen Auftritte gern mit einem Augenzwinkern ins Publikum beendet. Eine ziemlich krude Mischung. Zwischendurch werden Bühnenbildelemente wie ein nach unten zeigender Pfeil wichtigtuerisch aufgestellt, um nach wenigen Minuten wieder abgebaut zu werden.

Immerhin harmoniert eine Textänderung bestens mit dem Spiel einer Schauspielerin: Holz hat den Sebastian-Strang so gut wie gestrichen und lässt die famose Ilse Ritter Viola und ihren Zwillingsbruder spielen. Im Gegensatz zu den anderen macht Ilse Ritter nicht viel, bleibt unverstellt, durchlässig. Sie steht in knabenhafter Zartheit da, führt mit Witz ihre Täuschungsaufträge aus oder schaut mit bewegender Bangigkeit den Geliebten an. Ach, hatten wir fast vergessen: Das Stück handelt von der Liebe, die bei Ilse Ritter etwas Reines, frisch Sprudelndes hat. Tragen am Ende deshalb alle Weiß?

Wieder am 16., 18., 19., 20.6., danach fast täglich bis zum 11.7.

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