Theaterkritik : Genuss ohne Treue

Luk Perceval hetzt an der Schaubühne durch Arthur Schnitzlers "Anatol“ - und schabt alle philosophischen Spuren aus dem Stück. Denn Feinheiten sind Percevals Sache nicht.

Andreas Schäfer

Karl Kraus war begeistert. "Viel Witz, viel Satire, der Dialog sehr fein, sehr natürlich. Das ist eine tolle, köstliche, prächtige Komödie, ein kleines Kabinettstück flotter Realistik", schrieb er über "Anatol" von Arthur Schnitzler. Wer heute den Zyklus aus sieben Einaktern aus dem Jahr 1893 liest, kann sich über so viel Enthusiasmus nur wundern. Redundante Gespräche zwischen Hauptfigur Anatol und seinem Freund Max über die "Untreue der Frau" und die Unfähigkeit, selbst treu zu sein, wechseln mit Szenen, in denen Anatol immer wieder neue Frauen begehrt oder verlässt oder sie der Untreue bezichtigt.

Alles läuft auf das immer Gleiche heraus: dass man dem anderen nicht trauen kann, weil - siehe Psychoanalyse! - man sich selbst ein ewiges Rätsel bleibt. Das feine, aber doch recht beschränkte Thema Eifersucht wird dabei vom Diskurs der Zeit gewissermaßen veredelt und auf fast hundert Seiten aufgepumpt. Wie Leuchtbojen schwimmen die Worte "Hypnose", "das Unbewusste" und "die Empfindung" durch den Text, die - dem damals recht angesagten Philosophen Ernst Mach gemäß - die Stelle des "Ich" übernommen hat. Vergangenheit und Zukunft sind nichts, die schnell verglühende Empfindung des Augenblicks alles. Treue spielt keine Rolle, weil sie die Kontinuität einer Person voraussetzt, und die ist schließlich passé. Also: Her mit den kleinen Wienerinnen!

Leider geht die hedonistische Rechnung nicht ganz auf. Auch wenn das "Ich" nicht existent sein mag, der Körper ist es wohl - und durch dessen Kontinuität schleicht sich die eben noch verbannte Erinnerung wieder in den Geist zurück. Und mit ihr die Eifersucht. Freilich, das sind intellektuelle Feinheiten, die einen nicht interessieren müssen, die aber immerhin Witz aus den viel zu langen Szenen aufscheinen lassen.

Wie nicht anders zu erwarten, interessiert sich Regisseur Luk Perceval, der das Stück an der Schaubühne ausgegraben hat, nicht für solche Subtilitäten. Feinheiten sind Percevals Sache nicht. Er setzt lieber auf überwältigende Vereinfachung. Perceval hat den Text dann auch so überwältigend bearbeitet, dass von hundert vielleicht zehn Seiten übrig geblieben sind. Und von den sieben Episoden hat nur die nackte Grundkonstellation den Weg auf die Bühne geschafft: Eine Frau steht zwischen zwei Männern. Jule Böwe ist Anatol (warum Perceval die Rolle mit einer Frau besetzt, wissen die Götter). Rechts von ihr steht Bruno Cathomas in der Rolle des Ex, links André Szymanski als gerade Aktueller. Über ihnen (es ist die alte "Shoppen & Ficken"-Barackentruppe) hängen nach der Idee der Bühnenbildnerin Katrin Brack Hunderte silbern flimmernder Girlanden von der Decke.

Alle philosophischen Spuren, alles dekadent Verspielte wurde aus dem noch vorhandenen Stückrest geschabt, auch "Das Unbewusste", "Hypnose" und "Die Empfindung" tauchen nicht mehr auf. Stattdessen hat Perceval mit einem riesigen Stempel "Bindungsunfähigkeit 2008" auf die Vorlage geknallt. Und so geht's dann los: Jule Böwe steht zwar steif zwischen zwei Männern, guckt aber (wegen der Bindungsangst?) die ganze Zeit ins Publikum und stellt im eintönigen Jule-Böwe-Singsang, rauchig und babyhaft zugleich, ihre Überforderung zur Schau. Sie will heiraten, aber eigentlich auch nicht, denn "man heiratet immer einen anderen". Darauf starrt Bruno Cathomas sie entsetzt an, schnaubt wütend wie ein Stier, geht mehrmals an der Rampe auf und ab und bekommt einen wütenden Eifersuchtsanfall, bei dem er Rotz und Wasser heult, während André Szymanski "Hast du mir vergeben?" flüstert und seine Hand in den Ausschnitt der Frau schiebt.

Später heult Bruno Cathomas noch einige Male Rotz und Wasser, während André Szymanski wie ein Balletttänzer durch den Girlanden-Wald hüpft und dabei einige von ihnen zu Boden reißt. Jule Böwe singt derweil zur Klavierbegleitung von Timo Kreuser italienische Liebesrezitative, was möglicherweise sagen soll, dass es hier nur um schale Posen oder um Sehnsuchtsklischees geht. Vielleicht aber auch nicht. Auch Thomas Bading geistert als eine Art Kellner oder Geist des Anatol-Freundes Max über die Bühne, hat bei seinen wortkargen Kurzauftritten aber vorwiegend die Aufgabe, von den ratlosen Improvisationen seiner Kollegen abzulenken, die gerade Jule Böwe in ihre Mitte genommen und sie Becken stoßend und sehr schweißtreibend durchs Lametta geschoben haben.

Einsamkeitsschmerz kann nur über körperliche Verausgabung oder Zehnmalwiederholung des gleichen Textes entstehen? Es ist eine - ewige - Stunde lang der reinste Hilflosigkeitshorror.

Wieder am 4., 25. und 26. November sowie am 3., 11., 19. und 20. Dezember.

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