Theaterkritik : In der Stube familiären Wohlwollens

Edgar Selge und Franziska Walser spielen am Maxim Gorki Theater Goethes „Iphigenie“ als Zwei-Personen-Show. Nichts gegen einen Ehepaarabend: Aber muss man diese Geschichte so spielen, als säße man zuhause am Küchentisch? So kuschelig harmlos, mokant augenzwinkernd, süßlich unernst?

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Krimidrehbücher enthalten gemeinhin zwei Ebenen: den Fall und den private plot. Letzterer erzählt aus dem Leben der Kommissare, von ihren Eheproblemen, ihren Konflikten untereinander. Der eine sagt zum Beispiel nie „Guten Morgen“, aus Rache dafür bringt sein Kollege stets ein Wurst- statt des bestellten Käsebrötchens aus der Kantine mit. Solche Sachen. Der private plot erzählt meist von Nichtigkeiten und ist genau deshalb so wichtig. Er macht Kommissare nicht nur wiedererkennbar, sondern bettet das Unbegreifliche in Harmlosigkeitswatte und macht zerstückelte Leichen und missbrauchte Kinder erträglich. So endet jeder Krimi auch mit einer privaten Szene, mit einem hemmungslos verschmunzelten Dialog.

Genauso gestaltet sich dieser Theaterabend. Bevor es losgeht, sitzen Edgar Selge und Franziska Walser in der ersten Reihe des Maxim Gorki Theaters. Selge: „Na dann fang’ mal an, Franziska!“ Und Walser: „Musst du einen immer gleich so unter Druck setzen!“ Logisch, erste Ist-ja-wie-bei-uns-zu-Hause-Lacher aus dem Publikum. Natürlich weiß jeder, dass der einstige Kommissar aus dem Münchner Polizeiruf, Edgar Selge, und Franziska Walser im wirklichen Leben ein Ehepaar sind. Sie zeigen Goethes „Iphigenie auf Tauris“ als Zwei-Personen-Show. Walser spielt Iphigenie, Selge alle männlichen Rollen von Orest bis Thoas. Gegen so einen Ehepaarabend ist ja nichts einzuwenden. Aber muss man die Geschichte, die mit der Zivilisierung des Barbarenkönigs zwar versöhnlich endet, aber davor ausgiebig vom Gemetzel der Tantaliden berichtet, so spielen, als säße man daheim am Küchentisch? So kuschelig harmlos, so mokant augenzwinkernd, so süßlich unernst im Geist eines falsch verstandenen private plots?

Franziska Walser ist eine recht bodenständige, kerngesunde, leidensfreie Iphigenie. Wenn sie von ihrem Leben auf der Insel als Priesterin der Diana berichtet, wird weder etwas von den Schrecken der Einsamkeit, noch von den archaischen Opferritualen ihrer Gastgesellschaft spürbar – stattdessen drückt sich permanent ein bayerisch-adrettes Ja-Mei!-Lächeln durch die Monologe. Selge ist quecksilbriger, manchmal gar aufbrausend, fügt aber, sobald er mal heftiger wird, sofort ein selbstironisches Oh! an, als wollte er sich bei seiner Frau für die Lautstärke entschuldigen. So zeigt sich nichts vom eisigen Wind eines scheinbar ewigen Schuldzusammenhangs, bleibt dafür alles amüsante Nacherzählung in der geheizten Stube familiären Wohlwollens. Beruhigend: die Ehe von Selge und Walser scheint in Ordnung. Andreas Schäfer

Wieder am 18. 12. und 1. und 13. 1.

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