Theaterkritik : Macht und Monster

Brillant gegenwärtig: Thomas Ostermeiers „Maß für Maß“-Inszenierung an der Berliner Schaubühne mit Gert Voss und Lars Eidinger.

von
Spielmeister und Geselle. Gert Voss thront als Herzog links im Guckkasten von Jan Pappelbaum. Lars Eidinger als Lord Angelo (re) leistet den Offenbarungseid. Foto: Jansch Foto: © Jansch
Spielmeister und Geselle. Gert Voss thront als Herzog links im Guckkasten von Jan Pappelbaum. Lars Eidinger als Lord Angelo (re)...Foto: © Jansch

Seit Gott in seiner berühmten Sechstagewoche, so heißt es, hat Shakespeare am meisten geschaffen. Und offenbar am meisten vorausgewusst. Da kniet nun eine junge Frau vor einem mächtigen Mann und bittet um das Leben ihres zum Tode verurteilten Bruders. Den mächtigen Mann aber kümmern nicht die privaten Sorgen der Frau, ihn reizt vielmehr ihr Körper und er bedrängt und erpresst sie. Eine versuchte Vergewaltigung, sie wehrt ihn ab und droht mit der Öffentlichkeit.

Shakespeares Lord Angelo, der mächtige Mann, hat darauf nur noch schmallippige Verärgerung und eine Belehrung übrig für die junge Frau: Seine Stellung als Regierender gegenüber der einer unbedeutenden Denunziantin, da könne sie vieles behaupten, doch „meine Lüge wiegt mehr als Ihre Wahrheit“.

So wird die Szene zum verblüffend aktuellen Tribunal, zur DSKalation. Was in Shakespeares „Maß für Maß“ vor allem ein Gefecht der Worte ist, gerät in Thomas Ostermeiers Inszenierung an der Berliner Schaubühne, einer Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, nun auch zum handgreiflichen Gemenge. Lars Eidinger als Angelo wirft sich über die ins Unschuldsweiß der frommen Novizin gekleidete Isabella, so anmutig zart wie zugleich energievoll gespielt von Jenny König – und das auf blutigem Boden direkt neben einer frisch aufgeschnittenen, mitunter auch an einem Kronleuchter hängenden, tropfenden Schweinehälfte.

Bei Shakespeare enthüllen sich zwar eine Menge perfider, in Politik und Privatleben verbreiteter Schweinereien. Aber das Tier im Menschen (der dem Tier schon mit dem Vergleich nur Unrecht tut), das sollte man: spielen. Insofern gibt sich Thomas Ostermeiers drastisch derbe, mit Händen, Messern und gar einer Elektrosäge zu greifende Interpretation eine unnötige Blöße. Denn das Schaubühnenensemble zeigt hier so viel Kunst, dass es des Metzgerhandwerks kaum bedurft hätte. Auch der anfangs reichliche Einsatz eines Kärchers, mit dem Herr Angelo als vorgeblicher Sittenwächter seinem Reinheitsfimmel frönt, war nur eine überdeutliche Verdoppelung. Wände und Menschen werden abgespritzt, im Kerker, wo Isabellas Bruder Claudio schmachtet, dient der Strahl auch als Wasserfolter – wir haben verstanden. Und dann ist, dann wird dieser Theaterabend doch ganz anders. Nämlich vielschichtig. Überraschend. Großartig.

Thomas Ostermeier findet mit der Neuübersetzung von Marius von Mayenburg, die das gut 400 Jahre alte und im Original dreimal längere Stück klug rafft und auf sieben Spieler (mit ein paar Doppelrollen) verdichtet, eine schön vergegenwärtigende Lesart. Ohne vordergründige Aktualisierungen. Das Treffende ist aus dem Text herausgelesen, nicht draufgeladen. Und es gibt hier einen Spielmeister, einen heimlich-unheimlichen Strippenzieher sondergleichen. Gert Voss als Gast aus Wien ist der Herzog jenes sagenhaften elisabethanischen Vienna, in dem Maß für Maß mit abgründigen Ellen gemessen wird.

Eine der kühnen, jähen Volten als typische Shakespeare-Eröffnung: Der Herzog gibt sein Amt plötzlich auf, bestellt den Puritaner Angelo zu seinem Stellvertreter auf Widerruf und taucht ab in die allen anderen undurchschaubare Rolle eines vermummten Mönchs. Angelo, im ersten Rausch der neuen Macht, will Zucht und Ordnung im leicht verlotterten Wien wiederherstellen und verurteilt den erwähnten Claudio, der ein Mädchen vorehelich geschwängert hat, als Sittenrichter zum Tod. Hierauf begegnet er der bittflehenden Schwester Isabella, und seine Moral wird zur Doppelmoral. Der Herzog beobachtet dieses Spiel, treibt es auch mit eigenen Intrigen bis hin zu einer Scheinhinrichtung voran – um dann im letzten Moment doch einzugreifen und selber zu verurteilen und zu begnadigen.

Ostermeier und Voss freilich machen das nicht allein zum Spiel um Macht und Moral, mit einem Happy End der leicht zwielichtigen Art. Sie entdecken in „Maß für Maß“ ein tatsächlich unmäßiges, über seelischen Leichen triumphierendes Menschenexperiment. Und das beginnt vermeintlich harmlos. Alle sieben Spieler sowie zwei Musiker und eine attraktive, südliche Sängerin (Carolina Riano Gómez) hocken wie in einer Inszenierung einst von Jürgen Gosch schon auf der Bühne von Jan Pappelbaum in einem katzengoldenen, gleichfalls goschhaften, zum Publikum aufgeschnittenen, ansonsten geschlossenen Kasten. Nur Gert Voss als Drahtzieher geht in offener Verwandlung manchmal ab in den Zuschauerraum oder dirigiert von einem Zwischensteg aus das Ensemble bei musikalischen Einlagen. Dann singen sie, so auch anfangs, hübsch fromme Madrigale, zur Trompete und Gitarre von Nils Ostendorf und Kim Efert.

Das wirkt wie von fernher, weit weg. Doch im nächsten Moment schon, im Manageranzug von heute, wird der musikalische Voss zum charmanten Monster, der nun Schicksale dirigiert, dessen flugser Zeigefingerzeig dem Umriss einer Pistole gleicht, dessen Lächeln einen Haifisch als Lämmchen erscheinen lässt und der vom heiseren Raunen des alten Mönchs bis zum geölten Parlando oder stählernen Kommando nach Lust und Laune Herrschertöne drauf hat, dass es anderen Stimme und Sinne verschlägt.

Ein Zeichen das aber nicht nur der Stimmbandbreite. Vossens Spiel zeigt kein technisches Virtuosentheater, sondern geistesgegenwärtiges Oszillieren. Ein Tanz auf der Kippe, wo das Gute böse wird und umgekehrt. „Fair is foul and foul is fair“, verheißen die Hexen im „Macbeth“. Dort ist es die Tragödie der Macht, hier ihre tiefschwarze Komödie. Am Abgrund der höllischen Farce.

Auch die Frömmste, die Jungfrau Isabella, ist ja, wenn es ihr ans eigene Häutchen geht, nicht nur keusch. Sondern wird zur Tugendterroristin. Das spielt die junge Jenny König ganz unaufdringlich dringlich. Und als ihr Bruder Claudio in der Nacht vor seiner vermeintlichen Hinrichtung die größte Todesangst-Szene der Theaterliteratur erlebt (eine Anregung auch für Kleists „Prinz von Homburg“), parodiert Bernardo Arias Porras das ein wenig. Doch ist er, ein halb nackter klapperdünner Mensch, schon zuvor so sehr der Schmerzensmann des Abends, dass es diesen Kontrast wohl braucht. Und sie behaupten sich alle, gegen oder mit dem Meisterspieler Gert Voss: Erhard Marggraf als alter Adlatus des Herzogs, Stefan Stern als Strizzi Lucio und Franz Hartwig als Gefängnisaufseher. Am schwersten hat es allerdings Lars Eidinger als bloßgestellter Buhmann Angelo.

Eidinger gibt den analen Zwangscharakter des Scharlatan als stillen, weichen Zyniker. Mehr Tartuffe als Robespierre. Mit einem zwischen seifiger Selbstgewissheit und verletzlicher Verlegenheit wechselnden Lächeln. Kein plakativer Puritaner, eher ein Unergründlicher. Das macht ihn spannender und gefährlicher. Als ihm am Ende klar wird, dass nicht Claudio geköpft wurde, sondern das arme Schlachtvieh, sagt Herzog Voss nur: „Schwein gehabt.“ Und nimmt sich selber die Jungfer Isabell zur Frau. Was aber hinter der blutig unblutigen Komödie steht, wie von Shakespeare vorausgeahnt, das setzt sich später im Kopf des Zuschauers zusammen. Scharia, Fundamentalismus, Hirnwäsche, viele moderne Monster. Das Spiel geht weiter.

Nächste Vorstellungen am heutigen Montag sowie 12. bis 14. Oktober

2 Kommentare

Neuester Kommentar