Kultur : Theaterpädagogischer Dienst: Das Coming Out der Mauerblümchen

Jutta Behnen

Steht Theatergeschichte auf dem Stundenplan, sind die Gesichter der Schüler oft lang. Öde Klassiker! Doch wenn die Mitarbeiter des Theaterpädagogischen Dienstes anrücken, ist es mit der Langeweile meist vorbei. Nicht dass sie die Lektüre der großen Dramen ersetzen, gelesen wird auch an der Berliner Georg-Büchner-Oberschule weiterhin. Theaterlehrer Schleising-Niggemann weiß, dass seine Schülern an das passive Aufnehmen von TV-Bildern gewöhnt sind. Darum will er ihnen die aktive Kommunikation näher bringen, wie sie sich im Theater zwischen Bühne und Zuschauer entfaltet. Unterstützt wird er vom Theaterpädagogischen Dienst (TPD), der sich zum Ziel gesetzt hat, "die Zuschauerkunst zu fördern; er wurde 1998als Abteilung des Museumspädagogischen Dienstes gegründet. Doch die Anschubfinanzierung läuft Ende Juni aus. Ein noch vom Kultursenator Stölzl in Auftrag gegebenes Konzept kommt zu dem Schluss, dass die Arbeit "sinnvoll" sei, eine Aufnahme in die instituionelle Förderung jedoch nicht möglich. Wenn der Kulturausschuss des Abgeordentenhauses sich dem Ergebnis heute anschließt, könnte das das Ende für die Arbeit der sieben Theaterpädagogen bedeuten, die jährlich mit 10 000 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten.

Für Nina Trobisch, die Leiterin, ist es unverständlich, dass Berlin in eine Einrichtung, die sich der "ästhetischen Bildung" verschreibt und damit über die Möglichkeiten der Schulen weit hinausgeht, pro Jahr nicht 640 000 Mark investieren will. Zudem werden den Theatern durch die Arbeit des TPD neugierige, zahlende Zuschauer vermittelt. Die wenigsten Bühnen leisten sich einen Theaterpädagogen, fünfeinhalb feste TPD-Stellen gibt es in Berlin. "Ein am Haus engagierter Theaterpädagoge wird immer für die dort laufenden Inszenierungen arbeiten", gibt Lehrer Schleising-Niggemann zu bedenken. Er schätze das bühnenübergreifende Angebot des TPD, wo man eine Vorauswahl treffe und themenbezogene Inszenierungen aussuche. So wird die Idee des Theaters transparent gemacht, in Workshops werden Epochen beleuchtet, Theaterbesuche vorbereitet. Außerdem werden Lehrerfortbildungen angeboten. Eine Lehrerin erzählt, ihre eigene Kreativität sei in den Kursen stark gefördert worden, wofür den Pädagogen - angesichts verschärfter sozialer und interkultureller Probleme an den Schulen - heute sonst kaum noch Zeit bleibt. Außerdem lernen sich die Teilnehmer eines Theater-Workshops von einer völlig anderen Seite kennen. "Gerade die Mauerblümchen beginnen, im Theaterspiel zu leuchten. Viele der vorher vom Klassenverband nicht aktzeptierten Schüler werden in den Augen der anderen aufgewertet. Das soziale Gefüge innerhalb einer Klasse hat sich oft nachhaltig verändert", erzählt die Lehrerin einer Berufsschule mit sonderpädagogischer Prägung. Das hat sie auch Herrn Stölzl geschrieben. Hoffentlich hat er die Protestbriefe gegen eine Schließung des Theaterpädagogischen Dienstes an seine Nachfolgerin Goehler weitergegeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben