Theaterpreis : Aus dem Theater in die Welt

12.11.2012 00:00 Uhrvon
Nach der Verleihung des Deutschen Theaterpreises  präsentiert der frühere Cehf des Berliner HAU, Matthias Lilienthal, seinen Preis des Präsidenten. Foto: dpa
Nach der Verleihung des Deutschen Theaterpreises präsentiert der frühere Cehf des Berliner HAU, Matthias Lilienthal, seinen Preis des Präsidenten. - Foto: dpa

In Erfurt wurde der deutsche Theater-Oscar namens "Der Faust" verliehen. Geehrt wurden unter anderem Tankred Dorst und Matthias Lilienthal.

„Lebenswerk“, sagt Tankred Dorst, „das klingt so abschließend.“ Und fügt vor den 800 Gästen im Theater von Erfurt mit mildem Lächeln hinzu: Seine Werke verstehe er „eher als Fragmente des Lebens“, weil sie jeder Zuschauer im eigenen Kopf noch ergänzen möge.

Auch er selber ist ja ein Unvollendeter. Eigentlich möchte der in München und Berlin lebende, bald 87-jährige Dramatiker, Erzähler, Filmemacher, Theater- und Opernregisseur „noch 30 Stücke schreiben“, deren Stoffe, wie Tankred Dorst im Gespräch erzählt, ihm allemal durch den Kopf geistern. Nun also der vom Deutschen Bühnenverein und der Akademie der Darstellenden Künste gestiftete Theaterpreis mit Namen „Der Faust“ für ein doppeltes Lebenswerk.

Denn mit Dorst, dem geborenen Thüringer, wird in der Landeshauptstadt auch seine Mitarbeiterin und temperamentvolle kluge Gattin Ursula Ehler-Dorst ausgezeichnet. Stücke wie Dorsts weltweit gespielter „Merlin“ entstehen bei dem Künstlerpaar seit vier Jahrzehnten im immerwährenden gemeinsamen Gespräch. Deshalb dankt Ursula Ehler auch für „die Anerkennung eines Lebens- und Liebeswerks“.

„Der Faust“, der mit dem bestimmten Artikel so unmöglich heißt, wie er als Mischung aus vergoldetem Prügel und aufgebahrtem Raumschiff auch aussieht, er soll der deutsche „Theater-Oscar“ sein. Mit geschätzt drei Metern rotem Teppich vor dem monumentalen Theaterneubau, einem Ufo am Rande der Erfurter Altstadt. Der Preis wurde am Samstagabend zum siebten Mal und erstmals in einem neuen Bundesland vergeben. Nächste Station wird Berlin sein, dort hätten einige der diesmal Ausgezeichneten eine kürzere Anreise gehabt. So wird Burghart Klaußner als bester Schauspieler für die Titelrolle in Arthur Millers „Tod des Handlungsreisenden“ im Hamburger St.Pauli-Theater geehrt. Einer seiner mitnominierten Konkurrenten: Fabian Hinrichs als Protagonist von „Kill your Darlings!“ an der Berliner Volksbühne.

„Der Faust“ leistet sich bei Schauspielern, Sängern und Tänzern keine getrennten Kategorien für weibliche und männliche Künstler. Auch ist das Auswahlverfahren merkwürdig in seiner Mehrstufenmischung aus Nominierungen der Bühnenbetriebe, einer Jury und den letztlich per Brief oder Mail entscheidenden rund 300 Mitgliedern der Akademie, die die nominierten Inszenierungen und Künstler in den seltensten Fällen selber gesehen haben. Trotzdem gibt es treffliche Auszeichnungen wie die „Fäuste“ für Stuttgarts Opernregisseur und Intendanten Jossi Wieler (bestes Musiktheater), für Martin Kusej und seine fürs nächste Berliner Theatertreffen favorisierte Inszenierung von Fassbinders „Die Bitteren Tränen der Petra von Kant“ am Münchner Residenztheater oder für Barbara Bürk in der Kategorie Kinder- und Jugendtheater mit ihrer „Alice im Wunderland“ am Jungen Schauspielhaus Hamburg.

Höhepunkt neben der Dorst-Ehrung: Nach neun HAU-Jahren erhält Berlins Welttheater-Impresario Matthias Lilienthal von Bühnenvereinschef Klaus Zehelein den „Preis des Präsidenten“. Zehelein beschwört eindrucksvoll auch Lilienthals Freundschaft mit Schlingensief. Der Preisträger, der zurzeit in Beirut unterrichtet, wünscht solche Erfahrungen, auch in „Christophs Operndorf“ in Burkina-Faso, vielen deutschen Intendanten. Mögen auch sie einmal aus ihrer Welt „herauskatapultiert werden“. Peter von Becker

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