Theatertreffen 2012 : Susimaus und die Ampeln von Halle

Die Qual der Wahl 2012: Mit der Jury einmal quer durchs deutschsprachige Bühnenland. Das Reisetagebuch einer Kritikerin.

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Die glorreichen Jury-Sieben. Franz Wille, Christoph Leibold, Ulrike Kahle-Steinweh, Christine Wahl, Anke Dürr, Ellinor Landmann, Vasco Boehnisch.
Die glorreichen Jury-Sieben. Franz Wille, Christoph Leibold, Ulrike Kahle-Steinweh, Christine Wahl, Anke Dürr, Ellinor Landmann,...Foto: Piero Chiussi

In René Polleschs „Kill your Darlings!“ befürchtet Fabian Hinrichs, dass sein Netzwerk selbständig „den ganzen Freundeskreis austauscht“. Wenn man als Jurorin des Theatertreffens ein Jahr lang kreuz und quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz gefahren ist, um die „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison“ ausfindig zu machen, weiß man genau, wovon Hinrichs spricht: Der Reisejob tauscht in der Tat das komplette soziale Umfeld aus. Wenn ich ausnahmsweise mal zu einer sozial verträglichen Zeit meine Berliner Wohnungstür aufschließe, bin ich immer wieder gespannt, wie mein Lebensgefährte eigentlich aussieht. Dafür weiß ich jetzt alles über Bahnreisende, bundesweite Theaterabonnenten und Taxifahrer.

Mit den Bahnreisenden teile ich die meiste Lebenszeit, nämlich ungefähr 840 Stunden im Jahr, also etwa zwei komplette Arbeitstage pro Woche. Dass die eigentliche Berufsausübung im Theaterparkett mit knapp elf Wochenstunden etwas dahinter zurückbleibt, liegt nicht nur an den langen Anfahrtswegen zur Luzerner oder Ingolstädter Hochkultur, sondern auch daran, dass nicht jeder Weg zwangsläufig zum Ziel führt. Letzten Dezember klingelte zum Beispiel im ICE kurz vor Bonn-Bad Godesberg mein Mobiltelefon. Ich beobachtete gerade ein Ehepaar, das sich seit sechs Stunden mit einer eigens mitgeführten Stoffmaus unterhielt: „Was meinst du, Brigitte, ob die Susimaus auch ein Ei möchte?“ Am anderen Ende der Leitung war eine Kollegin, die schon einen früheren Zug nach Bad Godesberg genommen hatte. „Du, ich stehe hier vorm Theater und habe gerade erfahren, dass die Vorstellung heute Abend ausfällt; ein Schauspieler ist plötzlich krank geworden.“

Bier in Bad Godesberg

Zugegeben: Kurzfristig können derartige Hiobsbotschaften dazu führen, dass man der Susimaus am liebsten den abgegriffenen Hals umdrehen würde. Aber im Nachhinein haben sich gerade solche Fehlversuche, die vornehmlich zur Grippe- hochsaison und Hauptjuryreisezeit im Winter auftreten, stets als fruchtbar erwiesen. Denn bei keiner Jurysitzung lernt man die ästhetischen und mentalen Schmerzgrenzen seiner Kolleginnen und Kollegen so gut kennen, wie wenn man mit ihnen im verregneten Bad Godesberg alternativ zum ausgefallenen Theaterbesuch einen Bierausschank sucht oder in Zürich, der laut „Economist“-Ranking teuersten Stadt der Welt, eine Bockwurst, die das Budget nicht auf Wochen ruiniert.

Und außerdem ist es ja so, dass selbst die nicht unmittelbar zielführenden Reisen zur beruflichen Fortbildung beitragen. Nach 840 Stunden Deutsche Bahn weiß man, dass nicht nur Bühnenstücke, sondern auch Zugfahrten einer nahezu aristotelischen Dramaturgie folgen. Der klassische Jury-Reisetag beginnt mit der Platzsuche im sogenannten Ruhebereich des ICE. Denn enttäuschenderweise basiert die Theatertreffen-Auswahl – ganz anders, als man es immer wieder liest und selbst auch wahnsinnig gern vollbringen würde – nicht auf esoterischer Hexerei, sondern auf einem stinknormalen Argumentenaustausch: Jeder Juror muss seinen Mitstreitern über sämtliche gesehenen Aufführungen schriftlich Bericht erstatten, was eben am besten im Ruhebereich gelingt. Den erkennt man an kinderhandgroßen blauen Schildern mit einem durchgestrichenen Handy und dem Hinweis „Pssst“, die in großzügigen Abständen in Gepäckablagehöhe prangen. Die Bahn hat in diesem Punkt ausnahmsweise alles richtig gemacht und den Ruf nach einem modern-zurückhaltenden Design erhört: Es ist sogar so diskret ausgefallen, dass der Großteil der Fahrgäste es gar nicht bemerkt.

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