Theatertreffen Berlin: "Mittelreich" : Schöner Verfall

Hundert Jahre im Leben einer bayerischen Wirtsfamilie: Anna-Sophie Mahlers „Mittelreich“ der Münchner Kammerspiele beim Theatertreffen Berlin.

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Szene aus der Inszenierung von "Mittelreich" der Münchner Kammerspiele.
Szene aus der Inszenierung von "Mittelreich" der Münchner Kammerspiele.Foto: Judith Buss

„Verfluchtes Erbe, verfluchter Zwang“, schreit es einmal aus dem Roman „Mittelreich“ von Josef Bierbichler, „ich will der Knecht nicht sein von diesem alten Krempel. Ich hasse dieses Haus und diesen ganzen Heimatskram.“ Der Schauspieler und Schriftsteller pflügt darin durch den Gefühlsfrost und den Schuldballast einer bayerischen Wirtsfamilie wie durch einen steinharten Acker. Über drei Generationen und hundert Jahre spannt Bierbichler den Bogen, beginnend im Ersten Weltkrieg. Er erzählt von Nazimorden und vom Sauschlachten, von sexuellem Missbrauch und Bigotterie, von der rohen Brutalität der Natur, die sich als Triebnatur im Menschen fortsetzt. Ein Wuchtbuch in finster-erdigen Tönen.

Entsprechend widerständig verhält es sich zu seiner Dramatisierung für die Bühne. An den Münchner Kammerspielen hat die Regisseurin Anna-Sophie Mahler dennoch den Versuch unternommen. Einen musikalisch getragenen. Schließlich lässt Bierbichler gen Ende, während der Beerdigung des alten Seewirts, „Ein deutsches Requiem“ von Brahms spielen. Muss als Beglaubigung reichen.

Prägung und Erbe

Mit sechsköpfigem Ensemble, kleiner Orchesterbesetzung und dem Jungen Vokalensemble München als Chor hegt Mahler die Gewaltprosa in ein blutleeres Weder-noch-Theater ein. Warum ihr das eine Einladung zum Theatertreffen beschert hat? Vermutlich, damit Matthias Lilienthal als neuer Intendant der Kammerspiele ein bisschen Rückenwind erfährt. Er ist ja an der Isar nicht nur gnädig aufgenommen worden. Schöner Karriere-Nebeneffekt für Anna-Sophie Mahler natürlich, die an der Musikschule Hanns Eisler ausgebildet wurde, sich in der Grauzone zwischen E-Musik und freier Szene bewegt und eine Gruppe namens Capriconnection unterhält.

An der Deutschen Oper Berlin hat Mahler 2008 Walter Braunfels’ „Jeanne d’Arc“ zu Ende inszeniert, nachdem Schlingensief wegen seiner Krebserkrankung ausscheiden musste. Mit ihm war sie auch in Manaus unterwegs, beim brasilianischen Wagner-Unternehmen „Fliegender Holländer“. Die andere Prägung ist Christoph Marthaler, an dessen „Schöner Müllerin“ Mahler als Regieassistentin beteiligt war. Man merkt das auch „Mittelreich“ an – der Abend schielt auf Anna Viebrocks Verfallsräume und Marthalers Groteske der Verlorenheit.

Lilienthal soll Mahler nach Ansicht früher Arbeiten den Rat gegeben haben: „Jetzt mach mal deine eigenen Sachen!“ Verfluchtes Erbe.

DT, 18.5., 19.30 Uhr, 19.5., 16 & 20 Uhr.

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