Theatertreffen Berlin: "Väter und Söhne" : Ein weiches Tuch auf der Seele

Theater für Spieler: Daniela Löffner über ihre DT-Produktion „Väter und Söhne“, das Theatertreffen – und Jürgen Gosch.

von
Das Ensemble von "Väter und Söhne". Foto: Arno Declair
Das Ensemble von "Väter und Söhne".Foto: Arno Declair

Gut möglich, dass noch nie jemand so konsequent ein Festivalmotto konterkariert hat wie Daniela Löffner, als sie vor drei Jahren zum Münchner Nachwuchstheatertreffen „Radikal jung“ eingeladen war. Ihre Maxim-Gorki-Inszenierung „Kinder der Sonne“ vom Schauspielhaus Zürich enthielt kein einziges Element, das man nach geltenden Betriebsklischeeregeln mit den Prädikaten „jung“ oder „radikal“ assoziieren würde.

Die 1980 in Freiburg geborene Regisseurin benutzt, um im Zuschreibungskatalog zu bleiben, nicht nur keine Videotechnik. Sie hat vermutlich auch noch nie eine Pathos-Szene mit Heavy Metal ausgekontert oder einen linearen Plot dekonstruiert. Und dieser Glaube an die geschlossene Erzählung und das ungebrochene Spiel ist unter Regisseuren diesseits der vierzig ja quasi ein Alleinstellungsmerkmal.

Damit, als „konventionell“ zu gelten, hat Löffner nicht das geringste Problem. Sie sei begeisterte Castorf-, Baumgarten-, Pollesch- und Marthaler- Zuschauerin, erzählt sie sichtlich in sich ruhend. „Aber meine eigene Fantasie gerät tatsächlich ins Stocken, sobald eine Konstruktion größer ist als die Spieler selbst.“

"Man kann kein Konzept inszenieren"

Dafür gibt es einen guten Grund: Als Daniela Löffner fünfundzwanzig war, hatte sie eine nachhaltig prägende Theaterbegegnung. „Ich hatte ja zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon fünf Jahre lang an Theatern assistiert und dachte, ich wüsste, wie Regieführen funktioniert“, erinnert sie sich. (Zum Beispiel bei Volker Lösch, von dem sie zentrale „Softskills“ lernte.) Aber unter rein theaterästhetischen Gesichtspunkten waren alle bis dato erworbenen Scheingewissheiten auf einen Schlag dahin, als Löffner 2005 in Düsseldorf in Jürgen Goschs „Macbeth“-Inszenierung saß.

„Ich hatte vorher immer das Gefühl, schon bei der Konzeptionsprobe sagen zu können, ob der Abend gut wird oder nicht“, erzählt sie, „einfach anhand dessen, wie der Regisseur über den Stoff redet.“ Und dann kam Gosch – und redete im Zweifelsfall gar nicht. Denn statt Stücken Konzepte aufzupropfen, ging es ihm ja – im Gegenteil – gerade darum, sie unter den angelagerten Zuschreibungsschichten wieder freizulegen und für ein möglichst voraussetzungsfreies Spiel zu öffnen. „Man kann kein Konzept inszenieren“: Dieses Credo von Gosch, bei dem sie später auch assistierte, hat die 36-Jährige verinnerlicht.

Was im konkreten Probenalltag bedeute, „Wirkungsschablonen auszuschließen“ und sich auf vergleichsweise riskante Suchbewegungen einzulassen; „Angst- und Zensurfreiheit herzustellen“. Ein Maßnahmenpaket, das in Zeiten, in denen Scheitern – gesamtgesellschaftlich – de facto immer weniger als mögliche Verlaufsform angeblich ergebnisoffener Prozesse vorgesehen ist, logischerweise auch im Theater kaum noch jemand aushält; sei es auf der Bühne oder im Zuschauerraum.

Löffner weiß von Anfang an, wo sie mit ihren Figuren hin will

„Es gibt Spieler, die sehr schnell die Gewissheit brauchen, dass eine Szene funktioniert“, bestätigt Löffner, ohne dieses Bedürfnis zu bewerten. „Ich habe schon oft das Gefühl, gegen Bekömmlichkeit ankämpfen zu müssen, und wenn ein Spieler auf der Probe nicht gleich den sicheren Blick hat, sondern den künstlerisch weitergehenden, fällt das richtig auf.“ Dennoch sind der Regisseurin immer wieder solche im Gosch-Sinne offenen Abende geglückt. Zum Beispiel 2011 in Düsseldorf mit ihrer „Demian“-Inszenierung nach Hermann Hesse, die vielen Augenzeugen zu Recht als Meilenstein in der Jugendtheater-Sparte gilt.

Natürlich sieht man auch Löffners Turgenjew-Inszenierung „Väter und Söhne“ vom Deutschen Theater, die jetzt zum Theatertreffen eingeladen ist, die ehemalige Gosch-Assistentin an. Nicht nur wegen der Gosch-erprobten Mannschaft, die da in Gestalt von Bernd Stempel, Katrin Klein, Kathleen Morgeneyer oder Alexander Khuon auf der Bühne steht, sondern auch an formalästhetischen Referenzen. Es gibt allerdings auch deutliche Unterschiede. „Ich spreche auf den Proben sehr viel mehr als Gosch über das, was da gesucht werden soll“, bestätigt Löffner, die also – elementares Spiel hin, Interpretationsschichtenabtragung her – von Anbeginn ziemlich genau weiß, wo sie mit einer Figur hin will. „Wobei ich allerdings behaupten würde“, ergänzt sie, „dass Gosch das auch wusste.“ Er habe es nur nicht gesagt.

Löffner hofft, in Zukunft weniger kämpfen zu müssen

Die Theatertreffen-Einladung – ihre erste – freut Daniela Löffner natürlich. Zum einen für die Schauspieler: „Auf manche Seelen legt das, glaube ich, wirklich ein weiches Tuch.“ Zum anderen aber auch, weil es Produktionen wie „Väter und Söhne“ nicht unbedingt leicht haben im Betrieb. „Ein Dramaturg wie David Heiligers, der keine Angst hat vor einem Vierstundenabend“ – artverwandte Risiken und Nebenwirkungen inklusive – sei jedenfalls ein sehr seltenes Geschenk. Ganz zu schweigen von Intendanten, die einsehen (oder sich leisten können einzusehen), dass sie für einen Kammer-Abend dreizehn Ensemblemitglieder abstellen sollen. Sie hoffe, sagt Löffner ganz unverbittert-sachlich, dass sie dank der Theatertreffeneinladung an diesem Punkt in Zukunft weniger kämpfen muss.

Und was jetzt auch ansteht: „Ich habe den Eindruck, dass ich schlechter verdiene als männliche Kollegen, die an den Häusern vergleichbar positioniert werden wie ich“, hat die Regisseurin festgestellt. Weshalb sie nun eine Agentin sucht: „Eine junge Frau, die auch keine Lust mehr hat auf diese Ungerechtigkeit und gern in Finanzdirektorenbüros sitzt und sich anlegt.“ Ein guter Plan.

DT Kammerspiele, 7./10./19.5., 19 Uhr, 15.5., 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben