Theatertreffen der Jugend : Empört uns!

Sie wollen uns erzählen: Heute beginnt in Berlin das Theatertreffen der Jugend mit Demos und Pornos, Kopftüchern und Krieg.

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Alles Ego-Shooter? Der Volksbühnen-Jugendclub P14 in dem Stück „Fleisch“, das am Mittwoch um 20 Uhr gespielt wird. Foto: Thomas Aurin
Alles Ego-Shooter? Der Volksbühnen-Jugendclub P14 in dem Stück „Fleisch“, das am Mittwoch um 20 Uhr gespielt wird.Foto: Thomas Aurin

Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner weiß wo. In Bertolt Brechts Fragment „Der Untergang des Egoisten Fatzer“ ist der Frontverlauf schon unübersichtlich genug. Und den Ego-Shooter Fatzer kostet sein Hang zum Einzelgängertum Kopf und Kragen, die eigenen Kameraden erschießen den Nonkonformisten.

Fatzers junge Wiedergänger in legerer Militärkluft und „Ich bin nicht die Massen“-T-Shirt stehen dagegen verloren im Stroboskop-Gewitter. „Allein unter 200 potenziellen Facebook-Freunden“, wie es heißt. Individuum gegen Gesellschaft – der Kampf ist seit Brecht auch nicht leichter geworden. Die sechs Jugendlichen stimmen Tocotronics Generationenhymne „Sie wollen uns erzählen“ an. Und suchen die Schlachtfelder, auf denen sie sich erproben könnten. „Empört uns!“ steht in Abwandlung eines bekannten Pamphlet-Titels an der Wand.

„Fleisch – ich bin ich, du bist du und es geht schlecht“, so hat der Jugendclub P14 der Volksbühne am Rosa-Luxemburg- Platz seine Fatzer-Variation in der Regie von Lisa Brüning überschrieben. Eine von zwei Berliner Arbeiten, die zum Theatertreffen der Jugend eingeladen wurden, das heute beginnt. Das Festival im Kielwasser des großen, just abgefeierten Verwandten, findet seit vergangenem Jahr ebenfalls an der Schaperstraße statt, im Haus der Berliner Festspiele. Was in puncto Aufmerksamkeit „einen Quantensprung“ bedeute, wie sich Leiterin Christina Schulz freut. Obwohl sie den vorherigen Spielort, die Wabe in Prenzlauer Berg, ebenfalls zu schätzen wusste.

Hinsichtlich der Qualität jedenfalls musste sich das Jugendtheatertreffen noch nie vor der erwachsenen Ausgabe verstecken. Was in diesem 33. Jahrgang bereits die Eröffnungsinszenierung beweist, das furiose Projekt „Salam, Shalom, we came to organize your peace“ aus Hannover. Elf junge Deutsche reflektieren darin so selbstironisch wie vielsagend ihren gescheiterten Versuch, als Musterschüler der Geschichte eine Versöhnungs-WG mit Israelis und Palästinensern aufzumachen. Dumm nur, dass die zerstrittenen Nahostler kein Interesse an diesem Mietfriedensplan hatten.

Um die Einladung zum Festival können sich Theaterjugendclubs, Schultheaterprojekte, Inszenierungen aus der freien Szene bewerben – oder auch Profihäuser wie zum Beispiel das Theater an der Parkaue. Bedingung ist nur, dass Jugendliche auf der Bühne stehen oder maßgeblich hinter den Kulissen gewirkt haben. Eine Jury wählt die acht Gewinner aus. Klar konkurrieren da professionelle Arbeiten, die einen kompletten Stadttheater-Apparat im Rücken haben, und leidenschaftliche No-Budget-Produktionen, die mit zwei Scheinwerfern in der Schulaula auskommen mussten. Aber von einem ungleichen Wettbewerb will Christina Schulz trotzdem nichts wissen: „In dem Moment, wo die Produktionen zu uns kommen, sind sie alle Sieger.“

Zu den Gewinnern in diesem Jahr zählt auch das Stück „Keiner hat mich gefragt“ vom JugendtheaterBüro Berlin in Moabit. Ein Kiezkultur-Zentrum, wo Jugendliche nicht nur Theater spielen, sondern auch die verschiedensten Fertigkeiten erlernen können: vom Bühnenbau über Musik bis zur Lichtsetzung. Nicht selten kommen hierher Kids in schwierigen Situationen, solche zum Beispiel, die zwischen Schulabbruch und Ausbildungsplatzsuche in der Luft hängen.

Im Zentrum von „Keiner hat mich gefragt“, dem Debütstück von Asma Zaher, steht ein Mädchenensemble aus jungen Migrantinnen. Hauptfigur Sima, Kopftuchträgerin aus streng patriarchalem Hause, soll zwangsverheiratet werden. Das klingt erst mal klischeebeladen – aber die Stereotypen werden auf der Bühne mit engagierter Frische gekontert. Wenn eins der Mädchen sich zum Beispiel in den ehrpusseligen Polter-Vater aus der Teestube verwandelt. Oder wenn im Video-Einspieler die kruden islamophoben Thesen des selbsterklärten Freiheitskämpfers René Stadtkewitz ad absurdum geführt werden.

In diesem Jahr, sagt Christina Schulz, habe das Festival einen klaren gesellschaftspolitischen Schwerpunkt. Viele Arbeiten setzten sich mit dem Begriff Generation auseinander. Und mit dem Blick auf Jugendliche von außen.

„Frühlings Erwachen“ ist da ein Paradebeispiel. Die Produktion des Krefelder Kresch-Theaters benutzt Frank Wedekinds Kindertragödie vor allem dazu, so konfrontativ wie klug Erwartungen zu torpedieren: „Frühlings Erwachen findet nicht statt!“, skandiert schon zu Beginn der Chor. Was die Spieler in der Regie von René Linke viel mehr interessiert als die Unaufgeklärtheit des Gymnasiasten Moritz oder die Teenie-Schwangerschaft der Wendla, das sind sie selbst. Sie werden ja gern als Generation Porno apostrophiert – aber wo kommt das eigentlich her? So übersexualisiert fühlen sich die Mädchen und Jungs auf der Bühne gar nicht. Eher begafft. Entsprechend nehmen sie das voyeuristische Trendscouting der medialen Jugendwächter ins Visier: „Hört endlich auf, uns zu interviewen!“, oder auch: „Ich bin eine theoriefreie Zone!“

„Nie hatte die Jugend mehr Namen als heute“, heißt es, durchaus geistesverwandt, in der Produktion „Generation S“ vom Jungen Ensemble Stuttgart. Die Spieler schließen ein Gemeinschaftserlebnis – die Stuttgart-21-Proteste – mit persönlichen Geschichten kurz, die bis zur Geburt, zum Tod des Hamsters und dem ersten Zungenkuss zurückgehen. Nur scheinbar banale Erzählungen, mit denen sie die Deutungshoheit über die eigene Biografie reklamieren. Jenseits der Labels.

Radikal politisch und im Weltverbesserungs-Fieber. Oder extrem privat, weil gerade unsterblich verliebt. Zwischen diesen Polen bewegt sich in der Regel die Suche der Jugendlichen. Klar agieren sie auf der Bühne entsprechend selbstbezüglich. Aber wer sagt, dass ihre Stücke dabei nicht auch für andere erhellend sein können? „Die Arbeiten“, sagt Christina Schulz, „zeigen uns die Sicht der Generation von morgen auf die Situation heute“.

Theatertreffen der Jugend: Vom 25. Mai bis 2. Juni im Haus der Berliner Festspiele. Programm: www.berlinerfestspiele.de

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