Theatertreffen der Jugend in Berlin : Die Selbermacher

Beim Theatertreffen der Jugend zeigen sie eine Büchner-Sause. P 14 heißt die junge Truppe der Volksbühne – ihre Zukunft ist ungewiss.

von
Wir sind ein Witz. Szene aus „Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand“ von P 14.
Wir sind ein Witz. Szene aus „Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand“ von P 14.Foto: Elias Geißler/Promo

Wenn Büchners „Leonce und Lena“ im Jugendtheater läuft, kann man sich gewöhnlich auf gepflegte Langeweile gefasst machen. Klar, irgendwas wird das Lustspiel aus dem Reiche Pipi und Popo schon mit Facebook oder so zu tun haben. Gähn.

Mit solchen Vorurteilen ist man beim Jugendtheater P14 der Volksbühne allerdings an der komplett falschen Adresse. Deren gender-verdrehte Büchner-Sause „Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand“ ist von theaterpädagogisch indoktrinierter Heutigkeitsduselei so weit entfernt wie das Berliner Ensemble vom Berghain. Und wenn Langeweile hier mal ein Thema wird, dann beabsichtigt. Schließlich haben sich die beiden 19-jährigen Regisseurinnen Martha von Mechow und Leonie Jenning zu Probenbeginn die durchaus schlaue Frage gestellt: „Kann man die Leute mit Langeweile unterhalten?“, beziehungsweise: „Wie viel muss man auf die Bühne packen, um einfach nur nervig zu sein?“

„Lena und Leonce“ – gerade als eine von acht Inszenierungen zum Theatertreffen der Jugend eingeladen – lässt den wunderbar widerständigen Geist der Truppe blühen. Von Büchners Vorlage sind bloß noch ein paar Sätze übrig, die wie verzagte Bildungsbürger-Waisen durch einen LSD-Trip irren. Hört man sich im 21-köpfigen Ensemble zum Thema Sinn und Unsinn um, bleiben schon die Rollen-Selbstbeschreibungen Fragment. „Ich bin offiziell Valerio“, erklärt der 20-jährige Luis August Krawen mit gebotener Vorsicht. „Ich bin ein Witz“, ergänzt Kollege Julius Franke, 22, der vor allem ein Shake-Ei zum Auftritt der Band „Kitsch & Ernst“ erklingen lässt. Die liefert den Soundtrack zu einer wilden Collage überschießender Zeichen, die vom Jungsein erzählt und tatsächlich auch so aussieht – inklusive Gorillakostüm.

Höchste Zeit, sich nach dem Erfolgsgeheimnis der Gruppe zu erkundigen

Es ist schon die sechste Einladung zum Theatertreffen der Jugend für P14, von etlichen Nominierungen ganz zu schweigen. Zeit, sich nach dem Erfolgsgeheimnis der Gruppe zu erkundigen. Höchste Zeit sogar. Schließlich geht an der Volksbühne gerade die Ära Frank Castorf zu Ende. Und welche Art Zukunft P14 unter dem neuen Chef Chris Dercon haben wird, ist noch nicht endgültig geklärt. Das Projekt, so viel steht fest, braucht einen besonderen Raum. Und das meint nicht nur den „3. Stock“ als Spielstätte unter dem Dach der Volksbühne.

Das Außergewöhnliche an P14 sei, erklärt die Leiterin Vanessa Unzalu Troya, „dass hier die Jugendlichen ihr Theater selber machen“. So einfach. Und doch so selten. Hier sind Autonomie und Anarchie gefragt, keine Aufwärmübungen oder Kanon-Klimmzüge unter Pädagogenaufsicht. Genau in diesem Geist ist der Jugendclub 1993 gegründet worden, von Volksbühnen-Chef Castorf und seinem damaligen Dramaturgen Matthias Lilienthal: Als weitgehend unreglementierter Experimentierraum mit gesundem Überforderungsanspruch an junge Theaterlaien, benannt nach der Altersbeschränkung für Filme in der DDR. Das Eintrittsalter ab 14 gilt noch immer.

Clubmitglieder. P14, unvollständig, am Haus der Berliner Festspiele.
Clubmitglieder. P14, unvollständig, am Haus der Berliner Festspiele.Foto: Thilo Rückeis

Vanessa Unzalu Troya sieht ihre Aufgabe heute vor allem darin, „den Laden zusammenzuhalten und die Dynamiken in den Gruppen zu steuern“. Rund 25 Mitglieder hat P14, was den harten Kern meint und die Jugendclub-gängige Fluktuation einschließt. Sie finden sich in wechselnden Ensembles zusammen, arbeiten als eigenständiges Kollektiv oder mit Regie. Stolze sechs Produktionen im Jahr wuchtet die Truppe, dazu kommt jährlich ein Sonderprojekt, das Horizont und Spielerkreis weitet. Mit Pflegekindern zum Beispiel oder mit Roma und Sinti.

Scheitern muss möglich sein

Unzalu Troya, ausgebildete Schauspielerin und Theaterpädagogin, hat P14 2008 in einer Übergangsphase des Brachliegens übernommen. Ein erster wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit, die sie mit im Sinn hatte, war das Projekt „Der Foltergarten der Sinnlichkeit – eine Trilogie in vier Teilen nach der Orestie von Aischylos“. Entstanden 2009, als vor der Volksbühne eine Agora inklusive Schlechtwetterbox aufgebaut war, in der das ambitionierte Serienprojekt der P14-Fraktion stattfand. „Jeder war Co-Autor, hat eigene Ideen eingebracht, von den anderen geklaut – richtig großartig“, erinnert sich die Leiterin.

Credo der P14-Unternehmung war und ist dabei: Scheitern muss möglich sein. Es ging hier bei aller Professionalität nie um Virtuosentum. Und was zum Beispiel die „Lena und Leonce“- Regisseurinnen Martha von Mechow und Leonie Jenning gar nicht leiden können, sind Karrieristen, die auf die Marke P14 aufsatteln wollen, um schnell sichtbar zu werden. So läuft das hier nicht. Wer inszenieren will, muss mindestens ein Jahr als Spieler dabei gewesen sein.

Für beide ist die Volksbühne ein zweites Zuhause, ja mehr noch „ein Lebensweg, für den man sich entscheidet, auch wenn das jetzt esoterisch klingt“, wie Jenning sagt.

Derzeit laufen die Gespräche mit Chris Dercon

P14 wiederum sei unverkennbar „ein Kind der Volksbühne“, findet Unzalu Troya. Eins, das pubertiert, sich abzugrenzen versucht und doch weiß, wie ähnlich es den Eltern sieht. Luis August Krawen, selbst auch P14-Regisseur („Wenn du mein Filius wärst, würde ich dir das Rauchen verbieten“), findet, dass man sich hier natürlich ästhetischer Mittel bediene, „die man von der großen Bühne kennt“. Volksbühne verpflichtet eben. Und Jan Koslowski, langjähriger P14-Spieler und heute freier Regisseur, erzählt von gelegentlichen Vorwürfen, der Club sei, „nicht rebellisch genug“. So what? „Es gibt hier keinen Generationenkonflikt.“ Man lehnt sich ja auch mit einer „Zeitmaschine“ überschriebenen P14-Spielzeit an das Motto des großen Hauses an: „Don't look back“.

Derweil steht die nächste Premiere von P14 in der heimischen Volksbühne schon an, „Das wird eine schöne Show“, lautet der programmatische Titel (Do, 16.6.,19 Uhr). Und dann? Vanessa Unzalu Troya führt derzeit Gespräche mit Dercon und hält sich bedeckt. So oder so wird es Neuland. „Das Prinzip Intendantenwechsel“, sagt Koslowski stellvertretend für den mit allen Untiefen vertrauten P14-Club, „ist eine Kulturtechnik, die wir noch nicht erlernt haben“.

Haus der Berliner Festspiele, Fr 10. 6., 20 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben