Theatertreffen : Ende der Talentschau

Mit der surrealen Inszenierung von Anton Tschechows "Drei Schwestern" von den Münchner Kammerspielen wurde am Freitagabend in Berlin die letzte große Aufführung des 44. Theatertreffens deutschsprachiger Bühnen gezeigt.

Berlin - Mit ihrer ästhetischen Provokation lud auch diese Aufführung zum Meinungsstreit ein. Regisseur Andreas Kriegenburg ließ im wahrsten Sinn des Wortes "die Puppen tanzen". Anders als üblich zeigte er die Protagonistinnen dieser Studie nicht als zarte Wesen, sondern als handfeste, auch schrille Weibsbilder, die sich zu flotten Klängen gern mal riesige Kinderköpfe aus Pappe überstülpen.

Diese eigenwillige Version des berühmten Theater-Dauerbrenners rundete das Bild des diesjährigen Theatertreffens ab: Es dominierten derbe Lesarten bekannter Stoffe, gekennzeichnet von scharfen Überzeichnungen. Die Mehrzahl der gezeigten Inszenierungen eiferte mit grellem Spaß-Theater gegen die Nutzlosigkeit der so genannten Spaß-Gesellschaft. Es wurde viel gebrüllt, die Kleider fielen oft. Mehr als Äußerlichkeiten wurden dabei jedoch selten frei gelegt.

Lauthals formulierte Sozialkritik

Zum Abschluss des Theatertreffens werden am Sonntag der Alfred-Kerr-Darstellerpreis und der 3sat-Preis vergeben. Bereits am 6. Mai war der Schauspieler Ulrich Matthes mit dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet worden. Das Festival gilt international als wichtigste Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters.

Die aus sieben Kritikern bestehende Auswahljury legte, so der Eindruck vieler Beobachter, offenkundig besonderes Augenmerk auf lauthals formulierte Sozialkritik. Über nahezu jeder Aufführung stand zum Beispiel die Frage nach dem Wert des Individuums in einer nur noch Massenbedürfnisse befriedigenden Gesellschaft.

Lediglich zwei der zehn von der Jury als "bemerkenswert" eingestuften Aufführungen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich wichen davon ab: Dimiter Gotscheffs als Koproduktion des Thalia Theaters Hamburg mit den Salzburger Festspielen entstandene gesellschaftsanalytisch scharfe Lesart von Molières "Der Tartuffe" und Sebastian Nüblings Musikalisches Schauspielprojekt "Dido und Aeneas" vom Theater Basel. Beide Inszenierungen fielen aus dem Rahmen, weil sie auch auf Zwischentöne und die Kraft der Stille setzen.

Jury mit einseitigem Blick?

Betrachtung der Gegenwart war das zentrale Thema der Inszenierungen. Dabei fiel auf, dass die Mehrzahl der Regisseure dem Schrillen heutiger Tage nur mit Schrillem in der Kunst zu begegnen vermag. Besonders reizvoll war es immer dann, wenn davon abgewichen wurde. Die Auswahljury musste sich denn auch von Kritikern den Vorwurf gefallen lassen, zu einseitig mit Blick aufs Grobe entschieden zu haben. Bemängelt wurde häufig auch das Fehlen von Inszenierungen der freien Szene und von Stadttheatern.

Einigkeit herrschte allerdings darüber, dass die Stückauswahl aus Basel, Berlin, Hamburg, München, Weimar, Wien und Zürich eindrucksvoll das Können der deutschsprachigen Schauspielerinnen und Schauspieler belegt. Erhielt mancher Regisseur auch Buh-Rufe vom Publikum, wurden die Akteure nahezu durchweg mit Beifallsstürmen und Bravos gefeiert. So hat das 44. Theatertreffen Berlin eines in jedem Fall belegt: Die international hoch gelobten Ausbildungsmöglichkeiten für Schauspieler in Deutschland, Österreich und der Schweiz tragen Früchte. (Von Peter Claus, dpa)

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