Theatertreffen-Eröffnung : Höllensturz

Auftakt des Festivals: Das Schauspiel Köln lässt die Erde beben - mit einem Jelinek-Stück über den den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

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Karin Beier, Intendantin des Kölner Schauspielhauses und Jelinek-Regisseurin.
Karin Beier, Intendantin des Kölner Schauspielhauses und Jelinek-Regisseurin.Foto: picture alliance / dpa

Das Theatertreffen eröffnet am heutigen Freitagabend im Festspielhaus mit einer Trilogie des Untergangs. Als der lange, düster strahlende Abend mit Elfriede Jelineks Texte-Trias „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ im vergangenen Oktober im Schauspiel Köln Premiere hatte, war das noch ein überregionales Lokalereignis. Und eine Drittel-Uraufführung. Denn die letzte Sequenz in der dreieinhalbstündigen Inszenierung von Karin Beier hatte die österreichische Literaturnobelpreisträgerin eigens für Köln geschrieben: „Ein Sturz“ bezieht sich auf den Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März 2009, verursacht wohl durch den Bau einer neuen U-Bahn und den erschütternden Untergrund Kölscher Klüngelwirtschaft.

Inzwischen aber gleicht das Jelinek-Spiel auch jenem globalen Menetekel, als das es die Autorin und ihre Regisseurin von Anfang an angelegt haben: mit fünfzigköpfig singend klagenden oder hundertbeinig stampfenden Chören – mal von antikisch tragödischer Wucht, mal komödiantisch zeitkritischer Wut. Es gibt da viele Töne, vom Kalauer bis zur Elegie. Sie alle gelten den Spielarten technokratischen Wahns, beim Bau gigantischer Kraftwerke, erdumwälzender Verkehrswege oder himmelstürmender Türme, von Babel an.

Doch das Besondere ist, wie sich zuerst durch „Stuttgart 21“ und weit heftiger durch die Katastrophe in Japan der Abend auch in seinen zurück- oder fernliegenden Assoziationen gespenstisch aktualisiert: ohne dass die Aufführung ins wohlfeil Apokalyptische wegdriften würde und im komfortablen Hotel Abgrund Quartier bezöge. Hinzu kommt: Wir sehen das jetzt im Nahen des zehnjährigen Jubiläums von 9/11. Der 11. September 2001 durchspukte schon Jelineks 2003 im Wiener Burgtheater uraufgeführtes „Werk“, eine Auseinandersetzung mit dem unter den Nazis begonnenen und zur Wiedergründung des souveränen Staats in Österreich 1955 eingeweihten Staudamms und Stromkraftwerks von Kaprun.

Jelineks Botschaft ist, wie bei den Türmen von New York: Alles, was wir errichten, wird auch fallen. Ein Sturz, der Einsturz ist kein Restrisiko, sondern immerfort: die zwangslogische Folge. Mit dieser so simplen wie radikalen Erkenntnis trifft der manchmal ausufernde, schauspielerisch ungleichmäßige und dann doch wieder ergreifende Kölner Auftritt ins Herz der Gegenwart. „Erde, was machst du denn da? (...) Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht“, so rufen die Figuren dieses Endspiels. Der Planet bebt, die Ausschläge werden größer, die Einschläge kommen näher. Und zum Schluss ist die nachtschwarze Riesenbühne mit ihren dahinglitschenden Akteuren wasserüberschwemmt. Nur einzelne Blätter, einzelne Texte, wie in dem untergegangenen Archiv, sie erinnern mit den Überlebenden einer Sintflut an die Vergangenheit und die vielleicht noch mögliche Zukunft.

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