Theatertreffen : Und nun zählen wir ganz langsam bis Fünfzig

„Hate Radio“, „Kill your Darlings“ und „Platonov“ retten einen mittelprächtigen Bühnenjahrgang. Eine Bilanz des Berliner Theatertreffens 2012

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Gefangene. Johanna Wokalek und Martin Wuttke in „Platonov“. Foto: Georg Soulek
Gefangene. Johanna Wokalek und Martin Wuttke in „Platonov“. Foto: Georg Soulek

Man muss vom Zählen schreiben, denn das Zählen war das, worüber eine ganze Weile während des diesjährigen Theatertreffens gesprochen wurde. Das Zählen begann gleich zu Beginn, in der düster dräuenden Sarah-Kane-Trilogie von den Münchner Kammerspielen. Da zählte eine der zu ewiger Depressionsfolklore verurteilten Kane-Figuren im Schneckentempo bis fünfzig. Zählen als quälender und beruhigender Zeitvertreib im ortlosen Schmerzraum (wenn ich das richtig verstanden habe).

Fünfzig? Das ist ja gar nichts! Da kann ein Theaterexorzist wie der Norweger Vegard Vinge nur kosmisch lachen. Kurzerhand modelte er seine Ibsen-Saga im Prater der Volksbühne zwei Tage später um und ließ von einem glatzköpfigen Maskenmann mit langen Spinnenfingern und elektronisch verzerrter Stimme zu Anfang seines Zwölf-Stunden-Entgrenzungsmarathons bis 1150 (wenn ich mich richtig erinnere) zählen. Das dehnte sich genauso lang, wie es sich anhört, nämlich anderthalb Stunden, war aber nicht nur Venges Übertrumpfungsgier (Zitat: „Ich habe den größten Theaterschwanz!“) zu verdanken, sondern zeitigte auch interessante Ergebnisse. Interessant, was mit dem Zuschauer während so eines simplen Vorgangs passiert. Belustigung mischt sich mit Ungeduld, die bald zu Ärger, dann zu Gleichgültigkeit wird – aus der man dann wundersamerweise in einen anderen Zustand hinübergleitet, in hellwacher Schläfrigkeit bestens auf das kommende Pappmaché-Kettensägen-Massaker vorbereitet.

Die in Zeitlupe explodierende MickyMaus-Welt mit Wagner-Begleitung vor ironisch sprudelnder Urinfontäne des Regisseurs: Venges „John Gabriel Borkman“ war eindeutig der Aufwühlungs- und Verwirrungshit des Theatertreffens. Zählrituale, die folgten, waren dagegen nur noch augenzwinkernde Theaterei wie in Herbert Fritschs Klamaukorgie „Die (s)panische Fliege“ oder wohlfeiles Zitieren wie in der enttäuschenden, lau kalauernden „Volksfeind“-Inszenierung aus Bonn, in der eine agitierende Sängerin das Mitsingen des Publikums erpresste, indem sie drohte: „Sonst fang’ ich an zu zählen!“

Das Zählen war der etwas müde Running Gag in den Foyers, weil die diesjährige Leistungsschau des Theaters zwar die Vielfalt der Formen präsentierte, aber das Wenigste davon so zwingend war wie das beklemmende Dokumentarstück „Hate Radio“ von Milo Rau. Überlebende des Genozids an den Tutsi stellten mit gesampelten Originalzitaten eine Radiosendung des Senders RTLM nach, in der während des ruandischen Bürgerkriegs unverhohlen zum Mord aufgefordert wurde. Oder in seiner Reduktion so souverän und altmeisterlich wie René Polleschs „Kill your Darlings“ aus der Berliner Volksbühne: Anderthalb Stunden schnürte Fabian Hinrichs wie der sprichwörtliche, von der Welt getrennte Panther über die Bühne und füllte den riesigen Raum, wie es sonst kaum einer Inszenierung gelang.

Mehr Regiekollektive (Gob Squad zeigte einen kurzen Abend, in dem Kinder im Schnelldurchlauf altern), mehr lange Abende (Nicolas Stemanns „Faust“ dauerte über acht Stunden) lautete das Motto. Also: Entweder Spektakel oder einleuchtende Idee. Verlierer dieser Losung war das, was man früher klassisches Interpretationstheater genannt hätte: Vom Münchner „Macbeth“ über den „Volksfeind“ bis zur Kane-Trilogie – bei so viel bemühtem Kunsthandwerk und halbherziger Regieklöppelei konnte einem schon bang um die Zukunft des Theaters werden. Denn eine Bestandsaufnahme ist kein Selbstzweck, sie stellt die Frage: Wie geht es weiter?

Vielleicht und hoffentlich noch mit vielen Abenden des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, der zum Ende des Festivals seinen „Platonov“ vom Wiener Burgtheater mitbrachte und daran erinnerte, was Theater sein kann. Fünf Stunden, und jede Minute davon durchpulst, getragen von untergründiger Spannung. Fünf Stunden Tschechow, in denen das passiert, was man in Berlin zuletzt in den Inszenierungen von Jürgen Gosch erleben konnte: Wie die zur Schau gestellte Langeweile der Figuren transparent wird und Einblick in subtilste Regungen erlaubt und der vermeintliche Handlungsstillstand die sich langsam anbahnenden Konflikte mit schicksalshafter Wucht hervorbrechen lässt.

Hermanis hat zusammen mit seiner Bühnenbilderin Monika Pormale ein verfallenes Landgut vom Ende des 19. Jahrhunderts so naturalistisch nachgestellt – eine Raumstruktur aus Esszimmer, Salon und Terrasse – und lässt die grandiosen Schauspieler oft parallel in Vorder- und Hintergrundsituation spielen, sprechen und manchmal auch leise vor sich hinflüstern, dass der Eindruck lebensechter, wimmeliger Realität entsteht und der Hyperrealismus das Geschehen zugleich ins Exemplarische, kunstvoll Verdichtete entrückt. Platonov (zwischen unwiderstehlichem Giftzwerg und grandiosem Alkoholikerclown: Martin Wuttke), der Gesellschaftsdurchschauer und zynische Verführer, dem in Tschechows frühem Stück gleich vier Frauen verfallen, kommt auf eine Abendgesellschaft der Gutsbesitzerin Anna Petrovna (mit der Härte der Verzweifelten: Dörte Lyssewski) und lässt die Dämonen tanzen, bis Sofja (erst scheu, dann mit engelhafter Bestimmtheit sich zu ihrer Liebe bekennend: Johanna Wokalek) ihn schließlich erschießt.

Mit ungeheuerlichem musikalischen Gespür choreografiert Hermanis die Szenen, die Auf- und Abtritte, das Nebenbeigeplänkel, die Dynamik von Anziehung und Abstoßung, ein Rhythmus, so organisch wie Atmen. Kunst. Standing Ovations am Ende zweier Wochen.

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