Theatertreffen : Vier Frauen suchen eine Geschichte

Fehlende Frauenpower? Armin Petras’ Stück "Gertrud" sorgt beim Berliner Theatertreffen nur bedingt für Diskussionen.

Christine Wahl

Theater kann ungeahnt halsbrecherisch sein. In Olaf Altmanns Bühnenkonstruktion für Armin Petras’ Frankfurter „Gertrud“-Inszenierung balancieren und turnen vier Schauspielerinnen über Stahlträger, als vervierfachte Titelheldin in unterschiedlichen Altersstufen. Sie sind also extrem absturzgefährdet – zumal sich tief unter ihnen eine Art persönliche Geschichtsrumpelkammer auftut. Was könnte einen mit steigendem Alter (und in ehrlichen Momenten) heftiger aus der Balance werfen als die Konfrontation mit dem eigenen Lebensskript?

Gemessen daran geht es bei den Gertruds auf der Bühne des Berliner Festspielhauses versöhnlich zu. Friederike Kammer, Anne Müller, Sabine Waibel und Regine Zimmermann reden über geplatzte olympische Träume, über Sex, Ehe- und andere Männer, über Kriege und die große Alterseinsamkeit, rennen dazu mal teeniehaft aufgekratzt herum, um dann wieder konzentriert auf dem Stahlträger oder im Erinnerungskeller zu sitzen und dabei vom Badeanzug in die Kittelschürze zu schlüpfen oder von der Kittelschürze in die Uniform.

Es gibt berührende Momente in diesem Theatertreffen-Beitrag des Schauspiels Frankfurt; und man hört schon deshalb mit Genuss zu, weil es sich um einen großartigen Text handelt und man bei dieser Gelegenheit mal wieder darauf gestoßen wird, dass gute Texte nicht selbstverständlich sind im Theater. Aber „Gertrud“ ist in jeder Hinsicht ein Schwergewicht: Einar Schleef hat in diesem 900-Seiten-Wälzer seiner Mutter – und damit einer ebenso besonderen wie exemplarischen Frauenbiografie – in sperrigen, sprunghaft wechselnden Gedankenströmen ein Denkmal gesetzt. Tenor: „Meine Kindheit fiel ins Kaiserreich, der Sportplatz in die Weimaraner, die Ehe auf Hitler unds Alter in die DDR. Wohin mein Kopp.“

Schleef selbst empfand dieses Textmonstrum weniger als Roman denn als „Theaterstück“, als „Monolog“: Man solle „Gertrud“ nicht lesen, sondern „halblaut sprechen“. Da das in Gänze schwerlich Theater(treffen)-kompatibel wäre, ist es zwar logisch, dass Regisseur Petras sich für eine gestraffte Spielfassung (seines Dramaturgen Jens Groß) entschieden hat.

Dennoch: Zusammen mit der Bühnen- und vor allem mit der Kostümästhetik (Katja Strohschneider) führt das zu einer verhältnismäßig weichgezeichneten Version. Grundtendenz: frauenpowervollheiter. Dank der prinzipiell guten Idee, Gertrud zu vervierfachen und so verschiedene Entwürfe und Facetten von ihr miteinander ins Spiel zu bringen, wird dieser Eindruck immer dann extrem verstärkt, wenn die Schauspielerinnen jenem allzu kindlich-unschuldigen Spielfantasie-Affen Zucker geben, den man von Armin Petras kennt.

So ist die Frage nach der Außerordentlichkeit dieser kleinen Studioproduktion, die eine Theatertreffen-Einladung zwingend machte, nicht ganz leicht zu beantworten. Eine interessantere, für mehr Disput sorgende Entscheidung wäre es gewesen, Petras’ in den ostdeutschen Schrumpfstädten spielendes Stück „Heaven“ einzuladen. Christine Wahl

Nochmals heute, 15 und 21 Uhr, Haus der Berliner Festspiele

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