Theatertreffen : Wo bitte geht’s nach Ruby Town?

192 Stunden Dauerperformance: Beim Theatertreffen wird eine Schöneberger Lokhalle zur Geisterstadt.

Kerstin Roose
Ruby Town
Der Zuschauer als Passant. Jeder Bewohner von Ruby Town hat eine erfundene Lebensgeschichte. Er darf seine Rolle nicht verlassen,...Foto: Wolff

Es gibt eine Grenze. Wer sie passiert, wird von der Fiktion verschluckt. In engen Gassen jagt sich das Lachen zweier Mädchen – vermischt sich mit dem Spiel einer Flöte, den Geräuschen eines vorbeifahrenden Zuges, verebbt. Niemand ist zu sehen. Nur der Blick einiger toter Nagetiere senkt sich misstrauisch auf die Neugier des Besuchers. Sie zieren die Wände eines Restaurants in Ruby Town. Wer diesen Ort betritt, fällt zwischen die Zeiten. Und wird verzaubert von einem Universum des zärtlich inszenierten Verfalls. Rost nagt an Wellblech, Moos kriecht an maroden Holzhütten empor. Innen verblühen Rosentapeten, schälen sich in Fetzen von den Wänden und geben den Blick auf vergilbte Fotos frei. Vielleicht ist dies das Prinzip Ruby Town: Unter jeder Schicht, die sich löst, verbergen sich neue Rätsel und verweisen auf eine Welt, die den Besucher tiefer und tiefer in ihren Bann zieht. So lange, bis er selbst ein Teil davon ist.

Ruby Town ist die Kulisse für eine Nonstop-Performance namens „Die Erscheinungen der Martha Rubin“. Erdacht wurde sie am Schauspielhaus Köln durch die Dänin Signa Sørensen und den Österreicher Arthur Köstler. Zusammen bilden sie das Performanceduo Signa. Ab Freitag werden sie ihre Inszenierung im Rahmen des Berliner Theatertreffens präsentieren. Eine Woche vor Beginn ist von Martha Rubin, der Titelheldin, noch nichts zu sehen, stattdessen erscheint Signa Sørensen. Sie wärmt sich an einer Tasse Tee, wirkt sichtlich erschöpft und erzählt dennoch mit leuchtenden Augen vom Leben in Ruby Town.

Vierzig Bewohner zwischen zwanzig und sechzig Jahren leben hier bereits, in einem fiktiven Niemandsland zwischen nicht minder imaginären Nord- und Südstaaten. Sie alle sind Nachfahren von Martha Rubin, auf deren Auferstehung sie sehnsüchtig warten. So kleinteilig und liebevoll wie die Kulissen gestaltet sich auch die Illusion, die sich um den Ort und seine Bewohner rankt. Sørensen hat für jeden der Darsteller eine ausgeklügelte Biographie mit Namen, Beruf und einer Funktion im Dorf entworfen. In Ruby Town steht die Zeit nie still: Die Charaktere und ihre Geschichten werden kontinuierlich weiter entwickelt. Die Performance in Berlin knüpft nun da an, wo sie in Köln endete: mit einer Doppelhochzeit und dem erneuten Versinken Martha Rubins in einer dubiosen Zwischenwelt. Innerhalb dieser festgelegten Rahmengeschichten werden die Akteure – sowohl ausgebildete Schauspieler als auch Laien – improvisieren. Was daraus entsteht, wisse niemand, nicht einmal Signa Sørensen, sagt sie. Was die Besucher erleben, liegt allein in ihrer Hand und an ihrer Bereitschaft, sich auf diese Welt einzulassen. Das klingt nach einem Stadttheater der Extreme, einem Play-Inn für alle Beteiligten.

So offen der Verlauf dieses Theater- Marathons auch ist, einige Regeln gibt es dennoch. Oberstes Gebot ist es, die Fiktion unter keinen Umständen zu unterbrechen und bis ins kleinste Detail zu behaupten. Selbst die unerlässlichen Mitarbeiter des technischen Stabes wie Bühnenmeister, Elektromeister oder Feuerwehrmänner werden ins Geschehen und Dorfleben eingebunden. „Der Kölner Bühnenmeister zum Beispiel war Teil des Militärs und hat das auch unglaublich gut verkörpert“, erinnert sich die Dramaturgin Sybille Meier. Neun Tage lang müssen alle Darsteller in ihren Rollen bleiben. Einzige Notbremse: es gibt Codewörter, mit welchen den Mitspielern signalisiert werden kann, dass eine Grenze erreicht ist. Solange diese Wörter nicht verwendet werden, ist alles erlaubt. Alles, außer das Licht auszuschalten oder die Türen zu verschließen. Denn das Geschehen müsse zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Zuschauer einsehbar bleiben, erklärt Sørensen bestimmt.

In der Jury des Theatertreffens wurde vorab heftig über eine Einladung der außergewöhnlichen Dauerperformance gestritten, erzählt Eva Behrendt, eine der sieben Juroren. „Flach und manipulativ“ befanden die einen, „begeistert vom inszenierten Erfahrungsraum“ waren die anderen. Sie setzten sich durch – und stellten die Veranstalter damit zunächst vor einige logistische Probleme. Wie verpflanzt man ein so liebevoll wie aufwendig gestaltetes Dorf, das darüber hinaus nicht für den Transport bestimmt war? Und wo baut man es wieder auf?

Gelungen ist es mit Hilfe von elf Sattelschleppern. Sie brachten 25 Gebäude – Holzbaracken, Wohnwagen, ein zweigeschossiges Haus, nebst Unmengen von kleinteiligem Inventar – in die Lokhalle des Naturparks Schöneberger Südgelände. Nach einem fünfwöchigen Aufbau vereint sich hier der marode Schick des denkmalgeschützten Gebäudes mit dem osteuropäischen Charme von Ruby Town. Kopfsteinpflaster und rostige Schienen durchziehen die Halle, in der alte Industriewalzen nun wie schlafende Tiere zwischen den Hütten ruhen. Durch die Oberfenster fällt das schummerige Licht eines späten Nachmittags. Die künftigen Dorfbewohner sind schon jetzt gefordert. Denn zwischen langen Probengesprächen, die den Akteuren helfen, ihre fiktiven Biographien zu verinnerlichen, sind sie alle am Aufbau beteiligt. Gemeinsam kreieren sie sich ihr eigenes kleines Universum, leben sich während dieses Prozesses nach und nach in die Fiktion ein und wachsen zu einer Gemeinschaft zusammen.

Das ist das Besondere dieser Performance. In Ruby Town wird der Begriff des Spiels zu seiner ursprünglichen Bedeutung zurückgeführt. Mit oder ohne Publikum. Anders als bei konventionellen Inszenierungen wird die Fiktion nicht erst durch die Verabredung mit dem Zuschauer, dass es sich um ein Spiel handelt, zum theatralischen Moment. Das Leben in Ruby Town ist eine eigene Wirklichkeit, ohne dass die Stadt ihre Tore für Besucher überhaupt öffnen müsste. Sicher, die Ruby Towner sind ein offenes Völkchen, freuen sich immer über Besuch und lassen jeden in ihrer Welt mitspielen. Aber sie sind davon nicht abhängig.

Vielleicht wird es während des Theatertreffens Zeiten geben, in denen sich kein Besucher hierher verirrt. Das werden die spannenden Momente sein. Momente, in denen eine Stadt zu ihrem eigenen Versprechen wird.

„Die Erscheinungen der Martha Rubin“, Eröffnung am 2. Mai, 18 Uhr, nonstop bis 10. Mai, 18 Uhr in der Lokhalle Naturpark Schöneberger Südgelände (S-Bahnhof Priesterweg). Karten: nur vor Ort. Tel. 0170 / 578 15 03.

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