Kultur : Theaterwahn in Thessaloniki

Das Schauen und Spielen gibt Kraft in der Krise.

Marianthi Milona

Der etymologische Schwerpunkt des griechischen Wortes Theatron liegt nicht auf den ersten beiden Silben Thea, also ich sehe, sehend, Ausblick etc., sondern auf der letzten Silbe tron, das von der Antike bis heute so viel bedeutet wie Werkzeug. Alle Wörter im Griechischen, die mit tron aufhören, bezeichnen ein Organ, ein Gerät, etwas, das arbeitet, produziert, sich verändert. Diese kleine Silbe setzt beim Theaterspiel vor allem ein aktives Mittun des Zuschauers voraus. Die Zuschauer in der Antike gingen nicht ins Theatron, um passiv bis apathisch einem Spektakel beizuwohnen. Sie gingen ins Theater, um mitzuwirken, mitzuleiden, mitzulieben, mitzuträumen. Wie das ausschaute, lässt sich unter anderem bei Pausanias nachlesen.

Wenn es ein Gen fürs Theaterspiel gibt, dann haben die Griechen davon eine ordentliche Portion abbekommen, behauptet immer wieder Yiannis Kalatzopoulos, einer der bekannten Theatermänner Griechenlands. Seine Aufführungen im Nationaltheater sind ausverkauft, viele kommen mehrmals, um „Peter Pan“ zu erleben und „Mela“, eine Revue, die durch die griechischen Variety Shows der letzten hundert Jahre tanzt. Man kann von einer Theatromanie sprechen, von einer ungeheuren Sehnsucht nach Schauspiel und Unterhaltung, ob auf der Bühne oder als Zuschauer im Saal.

So sieht es auch die Schauspielerin Fotini Baksevani. Sie hat in Thessaloniki den Berliner Grips-Theater-Klassiker „Mugnog-Kinder“ von Rainer Hachfeld inszeniert. Wie alle ihre Kollegen ist sie unterbezahlt und muss seit Monaten auf die Gage warten. Aber nicht die Kinder! Die Kinder dürfen nicht zu kurz kommen in diesem vierten Jahr der Rezession und der „Diktatur der Arbeitslosigkeit“. So haben es die Theaterkünstler besprochen. Und so machen sie es. Es wird geprobt, gespielt, wieder gespielt und wieder geprobt. So viele Kinderaufführungen wie in diesem Jahr, gab es in Griechenland noch nie. Diesem Theaterwahn sind keine Grenzen gesetzt, erklärt die junge Schauspielerin Nepheli Anthopoulou. Hauptsache, sie steht auf der Bühne. Da vergisst sie ihre Probleme und ihren Niedriglohn. Das letzte Mal war eine solche Schauspiellust während der griechischen Militärdiktatur (1967 – 74) zu spüren. Auch damals half das Theater den Menschen, auf bessere Zeiten zu hoffen, zu warten, nicht zu resignieren.

In einer schmalen Gasse, gegenüber einem baufälligen Haus aus dem 19. Jahrhundert, führt eine schmale Treppe hinunter in eine andere Welt: in das Kellertheater Aktis Aeliou. Der unspektakuläre Ort gehört zu den produktivsten und innovativsten Bühnen des Landes. Hier kann man auch Theaterspielen lernen. Und sämtliche Kurse sind ausgebucht. Der Aktis-Gründer Nikos Sakaladis erklärt den Boom als Neurose, die von der Bevölkerung auf die Theaterszene übergreife. Erfahrene Schauspieler wollen spielen, immer mehr spielen, Nachwuchstalente treten ohne Gage auf, und die Amateure geben ihren letzten Cent für Workshops aus, um sich künstlerisch auszudrücken. Es ist, als wollten sie die gesellschaftliche Ausnahmesituation, diese Krise durch das Theater psychisch ausgleichen.

Aber Krise hin oder her: Das Spiel hilft, sich dem realen Leben zu stellen. Und das zählt. Im Theater würden Selbstzweifel und Selbsttäuschung einer ganzen Gesellschaft deutlich, glaubt Sakaladis. Besser jedoch könnte er mit dieser Situation leben, würde die griechische Gesellschaft nun auch in eine Periode der Selbstkritik eintreten. Marianthi Milona

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