Kultur : "Theaterwelten": Ein Tanz für jene Schönheit, die von innen kommt

Sandra Luzina

Der Duft von Sandelholz weht den Zuschauern entgegen. Die "Theaterwelten" luden zur Indischen Nacht; da wurde das Publikum nicht nur in eine andere Vorstellungswelt entführt, auch ein anderes Zeitmaß wurde vorausgesetzt - um sich in andere mentale Sphären zu beamen. Die Zuschauer, das belegten die raunenden Dialoge, waren entschlossen zum Selbst-Experiment: Einmal die Alltagssphäre hinter sich lassen, sich einlassen auf feinere Schwingungen! Trance-Trommler aus den Tempeln des südindischen Kerala sorgten für die Einstimmung in eine lange Nacht mit langsam sich steigernden Rhythmen - schon sah man, wie die ersten wohlfrisierten Häupter sich halb-ekstatisch hin- und herwiegten.

Der Auftritt von Madhup Mudgal, dessen Hindu-Gesang sich immer wieder zu frei improvisierten Passagen aufschwang, war angetan, auch den unruhigsten Geist in eine kontemplative Stimmung zu versetzen. Klingelnde Glöckchen künden die Tänzerin an. Alarmel Valli aus Madras gilt als Meisterin des klassischen Tanzstils Bhârata Natyam. Der religiöse-rituelle Ursprung des Tanzes ist unverkennbar, auch wenn er längst auf den Theaterbühnen zu Hause ist und im Westen zahlreiche Bewunderer gefunden hat. Die Solistin gab selbst eine kurze Einführung: Der Tanz sei nur im Lichte der indischen Philosophie verständlich, erläuterte die gefeierte Interpretin, die nicht nur einige westliche Konzepte zurechtrückte, sondern dem gebannt lauschenden Publikum auch die indische Liebesmystik nahebrachte: Die "Heldin" des Tanzpoems ist die Frau, die sich nach dem Geliebten sehnt und die es zugleich nach der Gottheit Shiva verlangt. Sinnliche und spirituelle Komponente vereint der Tanz also auf einzigartige Weise. Der Reichtum an Körperhaltungen und Armgesten, die rhythmische Komplexität der Schritte fällt zunächst auf, eine große Interpretin wie Alarmel Valli weiß aber die formale Strenge des Bhârata Natyam mit expressiver Freiheit zu verbinden. Die grazile Tänzerin agiert zugleich als Schauspielerin, die den Zuschauer in den Bann einer mythischen Erzählung zieht. Da scheint der Bühne von imaginären Gestalten bevölkert.

Auch wenn der Zuschauer die Mudras, diese Handgesten mit symbolischem Charakter, nicht entziffern kann: Das Drama der Erwartung, sehnsuchtsvolle Suche, überfließende Freude teilen sich unmittelbar mit. Sinnliches Verlangen kleidet sich in die stilisierten Gesten der Verehrung, körperliche Anmut erscheint als Form der Anbetung. Hier wird einem Schönheitsbegriff gehuldigt, der mehr meint als Kult der Oberfläche. Das übt großen Zauber aus, wenn es mit persönlichem Charme und eindrucksvoller Meisterschaft vorgetragen wie bei Alarmel Valli. Mit einem Blumenopfer zu Ehren der Mutter Erde beginnt Madhavi Mudgal ihren Tanz. Die Tänzerin in Smaragdgrün ist eine Koryphäe des Odissi, auch dies ursprünglich ein Tempeltanz, der sich durch das ästhetische Raffinement seiner fließenden und geschmeidigen Bewegungen auszeichnet. Shiva sei Dank! Mit OM-Lauten verabschiedet sich der Tanz, die Trance-Experten aus Kerala geleiten das tänzelnde Publikum in die Nacht.

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