Kultur : Theke und Anti-Theke

Christoph Funke

Er kennt sich aus, der Robert Gernhardt. Was vor ihm in deutscher Sprache geschrieben worden ist, besonders an Heiterem, Erhellendem, macht er sich zu eigen, so sehr, dass er dem Verdacht kaum noch entgegentritt, es eigentlich selbst geschrieben zu haben. Das Fischen im "Wörtersee" ist Gernhardts Leidenschaft, kein Versmaß, das er nicht beherrschte, kein Spiel mit Vokalen, in dem ihm nicht ein Tick mehr gelänge als den freundlich-bissig hergenommenen Vorbildern. Das ist frech und doch nicht ohne Melancholie.

"Hinter jener Kurve" nannten Bernd Ludwig und Christian Barthelmes einen Abend mit Lyrik und Prosa von Robert Gernhardt, der aus der Zusammenarbeit der "e1ns theater produktion" (so schreibt sich das wirklich) mit Peter Steins Faust-Ensemble im Sommer 2001 entstanden ist und nun in der Vaganten Bühne Berlin gezeigt wird. Das Publikum ist in eine kleine Bar geladen. Bernd Ludwig als Poet Robert und Antonello Marafioti als Musiker Theo verbringen einige Zeit miteinander, zwischen Klavier, rundem Tisch und Theke. Beide, so zeigen sie mit einer Spur Wehmut, sind nicht mehr jung, und deshalb steht die Erinnerung im Vordergrund. An schöne Frauen, an die Liebe, an manches, was man so mit schönen Frauen macht und Liebe nennt. Aus dem Werk Gernhardts sind also vor allem die Erotica gefragt. Lauert hinter der Kurve, von der doch niemand weiß, was sie verbirgt, zumindest an diesem Abend recht eindeutig das "Weib" - wie es auch die werbende Postkarte verspricht? So direkt wollen es Ludwig und Marafioti (unter der Regie von Barthelmes) nun doch nicht haben. Denn auch das reizvoll Unanständige wird bedachtsam ästhetisiert. Ludwig muss sich dabei die Lasten des nach Streicheln und Schmeicheln bedürftigen Dichters aufladen. Denn er redet, als ob er zugleich auch schreiben müsste. Er verliert sich in Erinnerungen, er geht mit Geschriebenem und Gedachtem um, als gälte es Bilanz zu ziehen. Tatsächlich endet der Abend mit dem Sensenmann - und der Versicherung: "Mehr ist nicht zu sagen. Sonst noch Antworten?"

Marafioti haut da, und das im Wortsinn, ganz anders in die Tasten. Er gibt sowohl in seinen virtuosen Improvisationen am Klavier als auch im Spiel den Lebenszugewandten, der den mitunter kummervollen Poeten, den "Robert Trostbedürftig" hochreißt, auf die Bahn bringt, und sei es bei der Interpretation eines Renaissance-Bildes im Goldrahmen. Spannungsvolle Beziehungen entstehen da, Dichtung und Musik werden gegeneinander abgewogen, und nicht immer hat es der in Gernhardts Prosa und Lyrik Versponnene leicht, sich durchzusetzen. Der Komödiant am Klavier nämlich ist mit perlenden Läufen und schmetternden Akkorden um keine Wirkung verlegen, er untermalt das Gesagte, steigert es, löst es auf. Aber Ludwig verteidigt den Poeten mit hohem Ernst und mit auch mit schnellem, gescheitem Witz. Er gibt ihm, freundliche Ironie inbegriffen, die schöpferische Aura, die der "Wörterfischer" nun einmal braucht.

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