Kultur : Thema verfehlt

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Kurt Scheel über Verbote,

Hybris und Demut

Warum rege ich mich nur so auf über die Volkserzieher und Händeringer, die nun wieder einmal ihre Gewaltdebatte führen? Ist doch eigentlich nett und verantwortungsbewusst, wenn sie ihre sorgenvollen Gesichter in die Kameras halten und sich gut gemeinte Gedanken machen. Zumeist sind diese sympathischen Weltverbesserer Anhänger der Nena-Psychologie und verkünden, rhetorisch etwas aufgefitscht: Sowas kommt von sowas. Aber das stimmt eben nicht! Sowas kommt meistens nicht von sowas, und wenn es tatsächlich mal von sowas kommt, ist es eher unwahrscheinlich, dass es beim nächsten Mal wieder von sowas kommt.

Der Mensch, meine lieben Leserinnen und Leser, ist nämlich ein lernendes Wesen und ein Schlaufuchs obendrein, aber wem sage ich das. Dass Sie jetzt, in Echtzeit, diese Zeilen lesen, ist ja geradezu der Beweis dafür, wie aufgeschlossen Sie sind, mit welch untrüglichem Sinn für Qualität Sie sich gerade diesen Artikel ausgesucht haben und nicht die langweiligen, von denen es, machen wir uns nichts vor, sogar in dieser hochseriösen Qualitätszeitung einige (wenige, Anm. der Red.) gibt.

Will sagen: Die Suche nach dem Gewalt-Gen wird nicht an ihr Ziel gelangen. Selbst wenn man sich das Problem etwas weniger naiv-biologisch vorstellt und nach den Gründen für die „zunehmende Gewalt“ fragt, wird man nicht weiterkommen: Die Frage ist ersichtlich zu allgemein gestellt (im Übrigen geht sie von falschen Voraussetzungen aus, die Gewalt in unserer Gesellschaft – und zwar die private wie die staatlich-öffentliche – nimmt nämlich nicht zu, und wer’s nicht glaubt, dem schicke ich auf Wunsch den diesbezüglich relevanten Essay). Aber selbst wenn man konkret fragt: Was hat den Erfurter Schüler dazu gebracht?, dann wird nur ein sehr unbedarfter Mensch eine Erklärung erwarten, und auch noch eine, aus der man Konsequenzen ziehen soll, damit so etwas „nie wieder!“ vorkomme.

Was könnten das für Konsequenzen sein? Verbot des Unglücks, denn glückliche Schüler morden nicht? Oder reicht schon das Verbot von brutalen Videospielen? Vielleicht nicht – aber schaden kann’s ja auch nicht. Eben doch! Alles Verbieten, das nichts nützt, schadet, weil es zum Verstoß einlädt; und weil es suggeriert, man könne ein hochkompliziertes Unglück wie das von Erfurt durch so etwas Einfaches und Grobschlächtiges wie ein Verbot verhindern.

Aber die Verbieter und Konsequenzenzieher kennen nicht Unglück, Ohnmacht, Zufall; denn sie sind nicht nur naiv und ein bisschen simpel, sondern sie sind selber Teil eines bösen Zusammenhangs, den sie in satter Selbstgefälligkeit zu bekämpfen glauben: Sie sind der Hybris verfallen, alles regeln zu können und zu sollen. Es fehlt ihnen die Einsicht in die Zufälligkeiten des Lebens, was uns egal sein könnte; aber wenn sie dann anfangen, mir und vor allem Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser,Vorschriften zu machen und bornierte Ratschläge zu geben, hört die Gemütlichkeit auf! Wer das intellektuelle Elend dieser Verbieterfraktion, das eben auch ein moralisches ist, in aller Kürze erleben will, soll sich vom Fernsehen ab- und dem guten alten Printmedium zuwenden und den Artikel von Susanne Gaschke in der „Zeit“ vom 23. Mai lesen.

Im Unterschied zu solchen Leuten, deren gute Absichten nur noch von ihrer moralischen Eitelkeit und ihrer Wichtigtuerei überboten werden, plädiere ich auch hier wieder für Demut und Bescheidenheit: Der Hybris keine Chance! Denn wohin stolzer Übermut, Selbstüberschätzung und Regelungssucht führen, das können Sie schon bei Homer nachlesen. Für alle, die kein Graecum und nicht einmal das Große Latinum haben (das immerhin besitze ich), genügt es, sich an der Luhmannschen Zentralkategorie der „Kontingenz“ zu orientieren: dass etwas „auch anders möglich sein“ kann, wie es so unnachahmlich in „Soziale Systeme“ heißt . Das Leben ist kontingent, da kann man nichts machen, das muss man einfach akzeptieren, basta.

Ich nähere mich dem Ende, und wer nun überrascht feststellt, das sei ja ein sehr anregender Artikel, aber was habe er mit dem Fernsehen zu tun, dem sage ich in aller Offenheit: Die Frage ist berechtigt. Aber erstens kommt ganz am Anfang eine Kamera vor. Und zweitens sollte dem aufmerksamen Leser klar geworden sein, dass komplexe Überlegungen, wie ich sie hier angestellt habe, nur als Lesetexte in einer sehr guten Zeitung zur Geltung kommen können; im Fernsehen, diesem „terriblen Simplifikateur“, wäre so etwas kaum vorstellbar, weder in einer normalen Talkshow noch auf Arte oder 3sat. Intellektuell ersetzt dieser Artikel mehr als acht Stunden Fernsehgucken, sogar anerkannt wertvoller Kultursendungen!

Nächste Woche: Rainer Moritz’ Lesezimmer

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