Kultur : Theo Altenberg: Die Nackten und die Roten

Sassan Niasseri

Als der Aktionskünstler Otto Mühl 1991 wegen Kindesmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, sahen sich viele Spötter bestätigt: Ein Kommunenvater, der sich an seinen Kindern vergeht! Unausweichlich, wenn sich Menschen einer hemmungslos praktizierten Sexualität hingeben. Weiteres Beispiel dafür, dass modernes Schamanentum nicht funktioniert. Und nicht nur das: Die Anzeige, die Mühl ins Gefängnis brachte, kam aus seiner eigenen Gemeinschaft. Die widersetzte sich der Idee, Mühl als Sprecher der Kommune das Anrecht einzuräumen, alle jungen Kommunefrauen entjungfern zu dürfen. Das hatte zum Aufstand geführt und dem Traum vom radikal-alternativen Leben ein Ende gesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Theo Altenberg längst mit dem Autokraten gebrochen. Altenberg war 1973 als 21-jähriger Fotografie- und Filmstudent in den burgenländischen Friedrichshof gezogen. Dort wohnte Mühl und mit ihm eine Kommune, die zeitweise bis zu 600 Mitglieder umfasste. Das Leben dort folgte dem radikalen Geist des Wiener Aktionismus - einer Lebensweise also, die sich von allen gesellschaftlichen und religiösen Konventionen lossagte. Das Fundament, auf dem die Kommune Friedrichshof sich gründete, waren die Ideale der freien Liebe, das Prinzip des kollektiven Eigentums und eine gemeinsame Kindererziehung. Auch optisch wollten die Kommunarden sich vom Kleinbürger genauso wie vom Hippie abgrenzen: Sie trugen die Haare streichholzkurz und kleideten sich unauffällig. Besonders stolz aber war die Kommune Friedrichshof auf die Selbstanalyse, eine Therapieform mit schwach tiefenpsychologischer Methodik. Sie sah vor, dass die Kommunarden mittels künstlerischer Selbstdarstellung zu einer Persönlichkeit reifen, die vollkommen autonom ist. Tatsächlich sah die Selbstanalyse in der Praxis für Außenstehende eher albern aus: Menschen, die meisten nackt, tanzten wirr durch den Raum, schnitten Grimassen und übten sich in orgiastischem Geschrei. Manche von ihnen agierten dabei so ekstatisch, als stünden sie kurz vor einer Teufelsaustreibung. Parties also, die bis zur totalen Erschöpfung gingen.

Altenberg aber war von der Selbstanalyse hingerissen. Er blieb im Friedrichshof und entwickelte sich zu einem der radikalsten Verfechter des Wiener Aktionismus. Und er fotografierte das Leben seiner neuen Freunde. Einige von Altenbergs Bildern sind jetzt in der Galerie Pictureshow zu sehen. Die Auswahl der Fotos gibt eine deutliche Richtung vor. Sie zeigen eine Zeit der Unschuld und des Wagemuts. Man sieht den Alltag: Fröhliche Menschen beim Wandern, hochkonzentrierte Kommunarden bei der Arbeit auf dem Schaufel-Bagger und das kollektive Essen-Fassen nach getaner Plackerei. Jungs und Mädels also, die sich auch auf dem Immenhof wohlgefühlt hätten.

Aber Altenberg zeigt auch eine andere Seite: Frauen, die sich lustvoll Sträucher in den Hintern schieben, und Männer, die mit dem Schnuller im Mund vor einem Regal posieren, auf dem ein Dildo steht. Das sieht dann nicht mehr aus wie unsere kleine Farm. Auf Außenstehende dürfte die Kommune wie ein Irrenhaus gewirkt haben - Tiefenpsychologen und Anhänger des Aktionismus halten vielleicht dagegen, dass das Ausleben sexueller Fantasien und der Fetisch nur ein Ausdruck der verdrängten, unterbewussten Stimme sind. Tatsächlich wirken die Gesichter der jungen Kommunarden auf den Aufnahmen aufmerksam und bestimmt, niemals nur in Pose. Es scheint, als sei der Kommune eine Performance aus reinem Selbstzweck fremd gewesen. Die Haltung, beim Chill-Out oder im angespannten Zustand, signalisiert: Inszenieren tun wir uns nur für uns selbst.

Altenberg als Kommunemitglied und fotografierendem Beobachter fehlt dabei natürlich die Distanz: Er zeigt seine Kommunarden als verspielte Kinder, als halbreife Persönlichkeiten, die sich noch nicht selbst gefunden haben, deren Entdeckungsreise aber trotzdem lustvoll verläuft. Wäre da nicht Mühl gewesen, der dem Traum ein schlimmes Ende bereitet hat. Nach dem Scheitern des Projekts stürzte sich Theo Altenberg unvermittelt in die Videoarbeit und in die elektronische Musik. Die Techno-Szene Berlins ist sein neues Zuhause geworden. Vielleicht, weil auch hier die Menschen selbstvergessen tanzen - wie die Friedrichshofer Kommunarden, als sie noch glücklich waren.

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