Théo Ceccaldi Trio beim Jazzdor-Festival in Berlin : Vier plus vier plus sechs Saiten

Virtuoses Faszinosum: das Théo Ceccaldi Trio ist die Entdeckung beim Jazzdor-Festival im Kesselhaus in Berlin.

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Das Théo Ceccaldi Trio.
Das Théo Ceccaldi Trio.Foto: © Frédéric Netter

Irgendwo entdeckt immer einer die Zukunft des Jazz. Kaum eine andere Kunstform ist so besessen davon, das epochal Neue ausfindig zu machen – und den Mann oder die Frau, die es verkörpern. Dazu trägt eine Idee des musikalischen Fortschritts bei, für die es bis weit ins 20. Jahrhunderte gute Gründe gibt. Zugleich ist diese Idee von Louis Armstrong bis zu Miles Davis in so auratische Bilder gegossen, dass ihr da, wo Jazz noch werbetauglich erscheint, gnadenlos hinterherinszeniert wird: ein ikonografischer Konservierungsstoff, für den manchmal auch die Musik selbst steht. Darüber gerät die Talentschwemme des zeitgenössischen Jazz, die in einem fatalen Missverhältnis zu seiner öffentlichen Wahrnehmung steht, schnell aus dem Blick.

Wohin bei alledem mit Théo Ceccaldi? Am dritten Abend des viertägigen Jazzdor-Festivals im Kesselhaus der Kulturbrauerei ist der 28-jährige Geiger und Bratschist aus Orléans das virtuose Faszinosum. Vor allem im Trio mit seinem Bruder, dem Cellisten Valentin Ceccaldi, und dem Gitarristen Guillaume Aknine, entsteht auf 14 Saiten eine hybride Kammermusik in höchster Verdichtung. Ihre körperliche Energie bezieht sie aus dem Jazz, ihre Schattierungen aus der Neuen Musik und ihr Material aus allem, was ihr zwischen Hochimpressionismus, Walzer, Blues und Rock so unter die improvisierenden Finger kommt – wenn sich das im organischen Ergebnis noch auseinanderhalten ließe. Subtil Verschwebendes trifft auf Geräuschhaftes, während Konstruktions- und Zerstörungslust sich ironisch die Waage halten.

Unorthodoxe Arten der Klangerzeugung

Feinste Liniengeflechte werden im nächsten Moment mit dicken Strichen übermalt, als würde man eine Zeichnung zusammenknüllen und in die Ecke werfen. Unterschiedliche Zweierbündnisse nehmen den Dritten in die Zange. Dabei nutzt das Trio sämtliche unorthodoxen Arten der Klangerzeugung. Steg-, Sattel-, Bogen- und Saitengeräusche sind ohne jeden neutönerischen Krampf mit von der Partie: Was Ceccaldi dabei an Strichtechniken und Aushören von Obertönen zu bieten hat, ist die reine Freude.

Diese Musik, die auch auf zwei CDs bei Ayler Records zu hören, ist, kommt indes nicht aus dem Nichts. Sie kommt nur aus einer tiefen Vergangenheit nach den ikonischen Stars. In ihrer – kompositorisch durchaus entwicklungsfähigen – Patchwork-Ästhetik reicht sie zurück bis in die 80er Jahre, und bei aller Internationalität hat sie ihre Wurzeln in der quicklebendigen französischen Jazzszene, die sich bei Jazzdor seit acht Jahren präsentiert. Die einflussreiche Kontrabassistin Joëlle Léandre hat das Trio nach Kräften gefördert (und ein Album mit ihm aufgenommen), Valentin Ceccaldi hat Cellounterricht bei Vincent Courtois genommen.

Im Hexenkessel

Théo wiederum, Gründungsmitglied des Tricollectif in Orléans, hat auf der Grundlage klassischer Studien die Freiheit unter anderem bei Mark Feldman gesucht. Damit hat er es bis in die aktuelle Besetzung des Orchestre National de Jazz geschafft – und ins noch junge T.E.E. Ensemble, das deutsch-französische Oktett des Pianisten Hans Lüdemann, das an diesem Jazzdoor-Abend ebenfalls zu hören war. Hier wetteifern, von Bassist Stéphane Boisseau und Drummer Dejan Terzic kraftvoll zusammengehalten, komplexe Rhythmen mit heftigen Free-Jazz-Ausbrüchen und signalhaft eingezählten Bläsermotiven wie in einem Stück von Saxofonistin Silke Eberhard.

Zu später Nacht dann der große, Disco, Progrock, Drum ’n’ Bass, Elektronisches, Fusion und Noise kalt zusammenrührende Hexenkessel der Band Caravaggio. Ein Stück beschwört lautstark Stanley Kubricks „Shining“, ein anderes das Unheilvolle von „Breaking Bad“. Das allzu sehr atmosphärisch Illustrative dieser Musik macht einen ganz wehmütig nach dem frühen Abend mit Théo Ceccaldi – und wenn in die leisesten Stellen die Lüftung hineindröhnte.

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