Kultur : Theodor W. ist unschuldig

Mirko Weber

Immer wenn etwas vermeintlich Neues in der Musik aber auch gleich so was von uraufvergeigt worden ist, muss der alte Theodor W. den Kopf herhalten. Also paraphrasierte Peter Ruzicka als Leiter der Münchner Musikbiennale nach der Premiere von Gerhard E. Winklers "Heptameron" ein paar späte musiktheoretische Sentenzen Adornos in die Richtung, dass man eigentlich nicht wirklich verstehen müsse, was man praktisch serviert bekomme - es werde dann schon im Bewusstsein und im Bauch. Tja. Es wurde aber nicht. Wird nicht. Wirklich nicht. Schon wer André Werners "Jude von Malta" nach Marlowe zu Beginn der Biennale gesehen hatte (vgl. Tagesspiegel vom 30. 4.) musste leicht verunsichert sein, denn wenn sie so ausschaute, die Interaktivität auf der Bühne, war dann nicht zum Beispiel Wolfgang Wagner schon immer der oberste Interaktivist gewesen? Drei, vier starke Frauen und ein schwacher Mann (Countertenor dazu). Dazu ein Musikstilmix, der für kleines Bundesjugendorchester den großen Shaker gebraucht, dann aber doch nur sehr mäßig rührt, allein ein beseelt bespieltes Akkordeon lässt einmal so etwas wie Wehmut aufkommen.

Die Crux mit allen, dem Veranstaltungsmotto "Oper als virtueller Realität" gehorchenden 70-Minütern bei der Biennale ist bis jetzt, dass über das fest Auskomponierte hinaus beständig etwas à la Minute erfunden werden soll - und mag ja sein, dass es stimmt, wenn die Mitspieler für Manfred Stahnkes "Orpheus Kristall" zum Beispiel via www. ihr Scherflein beitragen: aus Münster und Amsterdam, New York und San Francisco. Man merkt es nur nicht. Man merkt es ganz und gar nicht. Denn was bei dem sonst ja oft sehr interessant mikrotonal hantierenden Ligeti-Schüler Stahnke auf der Szene passiert, ist ein mühsames Anpassen einer klassischen Opernkonstellation an eine Art von Musik-Chat, dessen Diskurskurve jedoch weitgehend vorgezeichnet scheint. Die Handlung (öperlich brav an die Literaturvorlage Orpheus und Eurydike angelehnt) dreht sich im Kreis, wagnert sogar manchmal fast rheingoldmäßig vor sich hin und wird ausgiebig mit einer Handycam abgefilmt. Potenziell Seelenvolles kann an eine so genannte "anima" delegiert werden, die hinter imposanten Holzaufschichtungen die Handkanten niedersausen lässt, mal ethnohaft, mal elegisch (Robyn Schulkowsky) - aber auch hier: hinter neun dicken Stäben keine Welt. Was als Bild hineingeht (und es sind tausende), hört im Herzen auf zu sein. Ganz alt - eigentlich: noch älter - sieht auch "Heptameron" von Gerhard E. Winkler aus, ebenfalls, nun ja, Literatur- und Netzoper zugleich. Etliche gesiebte Erzählungen von Margarete von Navarra werden sandkastenhaft zusammengepatscht: vorne räkelt, dehnt und streckt sich leicht bekleidetes Personal (Überraschung: drei Frauen und ein schwacher Mann), droht sich wiederholt mit einem Riesendildo und verlässt sich darüber hinaus auf Sensoren, die aus Motion Emotion machen sollen. Dahinter gewaltige Piktogramme und gewalttätige Visualisierungen, zufällig zusammengeschaltet unter massiver Mithilfe des Karlsruher ZKM.

Mensch und Maschine also das Thema, irgendwie, irgendwie aber auch Selbstbefriedigung, irgendwie aber auch das Irgendwie, und oben, über allem, wieder ein Akkordeon, und ah, endlich ein Virtuose: Teodoro Anzellotti. Doch er durfte nur schnaufen mit seinem Instrument und aufjaulen, aber wenn man ihn gelassen hätte, nur eine Minute, Teodoro Anzellotti hätte uns eine von seinen wunderbaren Geschichten erzählt, einfach so. Geschichten jedoch haben im Augenblick keine Konjunktur, jedenfalls nicht auf der Münchner Biennale, die seit dem Ausscheiden ihres Begründers und Vorkosters Hans Werner Henze der Suche nach dem Kulinarischen (und Praktischen) in der Neuen Musik ziemlich abgeschworen hat. In der Küche sitzen jetzt viele Theoretiker. Verbissen probieren sie ihre nicht immer neuen Rezepte aus. Nur richtig kochen kann eigentlich keiner.

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