Kultur : There is no business like Antisemitismus

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Von Hanno Loewy

Ist er nun ein Antisemit oder nicht? Eine dumme Frage: Wer weiß schon, was jemand wirklich „ist“. Die Frage hat den Vorteil, das man sie nicht beantworten, das heißt: endlos debattieren kann. Vielleicht wäre es interessanter zu fragen, warum Bücher voller antisemitischer Bilder so einen Erfolg haben?

Der Streit um Walser erscheint wie ein Déjà vu. Da war doch was, vor bald 20 Jahren. Damals, 1985, besetzten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main die Bühne des Stadttheaters und verhinderten eine Uraufführung: Rainer Werner Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Heiner Müller, ein Jahr zuvor an dem Versuch beteiligt, das Stück in einem Frankfurter U-Bahnhof aufzuführen, sah in Fassbinders Melodram grelle Bilder der Verwüstung einer Stadt durch die „Rache eines Opfers“. Damit war heraus, worum es ging. Nicht um Judenhass, sondern um „jüdischen Hass“.

„Zeit“-Redakteur Ulrich Greiner, der Walser heute vor „falschen Vorwürfen“ in Schutz nimmt, redete damals Tacheles: „Ich frage Bubis, ob er der Vermutung zustimme, die nach Frankfurt gekommenen Ostjuden hätten ihre Bodenspekulation aus unbewusster Rache betrieben.“ Das nenne ich Chuzpe. Verfehlte Stadtplanung ( darum ging es damals im Frankfurter Westend) als „jüdische Rache“? Da traf es sich irgendwie, dass zu den nun aus dem Westend verdrängten Bewohnern just jene zählten, die ein paar Jahrzehnte zuvor von der Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung jenes Stadtteils profitiert hatten. Ein guter Resonanzboden für Rachefantasien.

Mit der Realität jüdischen Lebens in Frankfurt hatte das wenig zu tun. Man lebte in einer Nische, wollte nicht auffallen. Rache war da ein unwirklicher Anachronismus: Die Form der „Vergeltung“ bestand darin Kinder zu bekommen, die tollsten, die es jemals gab, und wirtschaftlichen Erfolg zu haben, materielle Sicherheit und einen sicheren Hafen: Israel. Der Konflikt um Fassbinders Stück provozierte ein Coming out voller Widersprüche. So wie in Fassbinders Figur des „reichen Juden“ wollte man sich nicht „vorführen“, karikieren, verspotten lassen. Um das Zerrbild von der Bühne zu verdrängen, tat man das, was man bis dahin am wenigsten wollte: selbst die Bühne betreten, in die Öffentlichkeit gehen. Michel Friedman hat diese Konsequenz vielleicht am radikalsten vollzogen.

Von Müll und Tod und Rache handelt auch Martin Walsers Roman. Doch jetzt steht nicht mehr das Schmuddelkind Fassbinder und seine grelle Bilderwelt, sondern die verschachtelte Rachefantasie eines Nationalschriftstellers auf dem Programm. Ein Buch, dass sich darin gefällt, genau jenen Streit, der nun stattfindet, in grotesken Bildern vorzuzeichnen. „Es ist, als bemühte ich mich, die Vorwürfe, die man mir macht, zu rechtfertigen. Als die Vorwürfe gemacht wurden, gab es noch wenig Gründe für sie. Die liefere ich jetzt nach.“ Nein, Walser ist nicht der unschuldige Dichter, sondern der kühl kalkulierende Inszenator der Debatte. Worum geht es? Auch das weiß Walser schon: Darf man jemand töten wollen, obwohl er Jude ist?

Darf man in Deutschland einen Juden hassen? Im „Tod eines Kritikers“ gibt Walser eine einfache Antwort. Ja man darf, sofern der Hass nicht damit zusammenhängt, dass der Gehasste ein Jude ist. Genau hier beginnt Walsers doppeltes Spiel. Ehrl-König entspricht fast allen antisemitischen Klischees: Er hat keinen Geburtsort, keine Heimat, seine Gestik entstammt dem Repertoire des Untermenschen, er denkt nur an Sex und Macht und ist zu normaler Befriedigung nicht in der Lage. Unterwanderte Fassbinders „reicher Jude“ noch das Soziale, zersetzt Ehrl-König das Heiligtum der Nation, die Sprache. Er ist ein „Vernichter“, die „doitsche“ Gegenwartsliteratur wirft er auf den Müll. Während der Autor in den Tiefen der deutschen Mystik und der heidnischen Tradition verwurzelt ist, verwandelt Ehrl-Königs christlich-jüdische Sklavenmoral alles Echte in Show. Wenn Walser ihn nicht deshalb hasst, dann warum. Nur, weil Reich-Ranicki seine Bücher nicht gut genug fand? Das freilich taugt nicht für den Ruhm eines Nationalschriftstellers. Lieber spielt Walser auf der Klaviatur der Ressentiments. Dazu braucht er kein Antisemit zu „sein“. Schließlich kann hier zu Lande öffentlicher Aufmerksamkeit sicher sein, wer diesen Vorwurf provoziert. Die alten Kameraden der Gruppe 47 (von Günter Grass bis Fritz J. Raddatz) werden einen schon raushauen.

Walser lässt keinen Zweifel, dass seine „ironisch“ aufgelöste Rachefantasie eine Parabel aufs „Ganze“ ist. „Dadurch, daß einer umgebracht wird, ist er (. . .) noch nicht besiegt“, heißt es über den (vermeintlich) ermordeten Kritiker. Nein, auch die ermordeten Juden sind für Walser die eigentlichen Sieger und die Deutschen die Besiegten. Gedemütigt von kosmopolitischen, amerikanischen Juden und linken Selbsthassern, die sich auf die Seite der Sieger schlagen wollen. Das ist überinterpretiert? Lesen wir weiter: „Der Besiegte schämt sich. Er weiß, daß er seine Niederlage sich selber zuzuschreiben hat. (...) Du kannst andere beschuldigen, aber du weißt: du allein bist die Ursache deiner Niederlage. Siehe doch Deutschland.“

Was den Autor antreibt, ist die Sehnsucht nach der befreienden Tat, zumindest die Sehnsucht, das Tötungsverbot, diese jüdisch-christliche Fessel diskursiv ein wenig zu lockern. Wenigstens damit zu spielen: „Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus.“

„Wer den einmal aus der Welt schafft, der tut ein gutes Werk.“ So heißt es im Nazifilm „Stärker als Paragraphen“. Ein Wucherer wird ermordet, und ein junger deutscher Musiker verdächtigt. Am Ende stellt sich heraus: Der Wucherer fiel einem glubschäugigen, hemmungslos Frauen und Geld nachstellenden Erpresser zum Opfer, einem Wesensverwandten seiner eigenen Gier. Von Juden ist nicht die Rede. Aber für die, die seine Botschaft nicht verstanden, wurde gesorgt. Der Film wurde 1938 mit dem Vorfilm „Juden ohne Maske“ gezeigt. Das waren die Bilder, mit denen der kleine Martin groß wurde. Alte Männer werden manchmal kindisch.

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