Thetaertreffen : Stumm vor Zärtlichkeit

Paul Herwig erhält den Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2010. Eine Laudatio von Bruno Ganz.

Der Juror. Schauspieler Bruno Ganz (69) hielt auf dem Theatertreffen Ausschau nach einem preiswürdigen Kollegen.
Der Juror. Schauspieler Bruno Ganz (69) hielt auf dem Theatertreffen Ausschau nach einem preiswürdigen Kollegen.Foto: p-a /dpa

„Ich bin völlig fertig“ – vor Glück: Der Schauspieler Paul Herwig ist am Pfingstmontag im Haus der Berliner Festspiele mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2010 ausgezeichnet worden. Judith Kerr, die Tochter des berühmten Berliner Theaterkritikers, war aus London angereist, Ulrich Matthes las literarische Texte ihres Vaters. Hermann Rudolph, Herausgeber des Tagesspiegels, überreichte dem Hocherfreuten die Urkunde und den Scheck zu dem mit 5000 Euro dotierten Preis, der jährlich von der Kerr-Stiftung, der Pressestiftung Tagesspiegel und den Berliner Festspielen zum Theatertreffen verliehen wird.

Der 1970 in Berlin geborene Herwig war nach ersten Engagements am Bayerischen Staatsschauspiel von 2001 bis 2007 festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Am Berliner Maxim-Gorki-Theater war er in „Clavigo“ und „Mefisto Forever“ zu sehen, er spielte außerdem in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen. Den Kerr-Darstellerpreis erhält Paul Herwig für die Titelrolle in Luk Percevals Inszenierung „Kleiner Mann – was nun?“ von den Münchner Kammerspielen nach dem Roman von Hans Fallada. Juror war in diesem Jahr der Schauspieler Bruno Ganz, dessen Laudatio hier nachzulesen ist.

Dieser Schauspieler kniet, er spricht mit seinem kleinen Sohn, wie ein Bauchredner macht er das, und das Söhnchen auf dem Schoß ist ein Stofftier, ein Bär. Der Mann ist verzweifelt. Er erzählt dem Kind vom Wasser, dem Bach, an dem er kniet. Er nimmt die Hochgeschwindigkeit aus seinem Spiel.

Er ist sehr verletzlich, schmal, ruhig und jung.

Es ist eine stille, poetische Szene, aber jäh und heftig nagt etwas in mir (dem Zuschauer), denn ich verstehe auf einmal, dass ich Zeuge der Vorbereitung eines Selbstmordes geworden bin. Das ist äußerst berührend. Dieser Schauspieler heißt Paul Herwig und ist ab jetzt der Träger des diesjährigen Alfred-Kerr-Preises.

Gegoogelt ist Paul Herwig nicht wirklich ein total ganz junger Mann und weit entfernt davon, ein Anfänger zu sein. Die Liste seiner spielerischen Unternehmungen, viele beim Film und Fernsehen, ist beeindruckend und er hat auch schon Preise bekommen. Trotzdem habe ich ihn zum ersten Mal auf einer Bühne gesehen (mea culpa) und ich habe mich schon sehr sehr gefreut darüber, wie er das gespielt hat, den Pinneberg in Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, und dass ich ihn gleich beim ersten Mal so toll und anrührend erleben konnte.

Er kann so schnell und so agil sein, er wirkt so unverschämt jung. Seine Mutter brüllt er an, sein „Lämmchen“ himmelt er an, und der Anblick seines Söhnchens macht ihn stumm vor Zärtlichkeit.

Er schwebt immer irgendwie in der Luft, auch wenn er schwer geschlagen ist. Ja, und er lässt mich ins Innere sehen, in seines, in Pinnebergs – und damit auch in mein eigenes. Und das ist der Kern und die Sache, und ohne sie bin ich verloren, nicht nur als Juror.

Denn die anderen glücklichen Momente in diesen 14 Tagen, außer denen, die Paul Herwig mir schenkte – bei ihm ging das über drei Stunden – kamen auch genau aus diesem Punkt. Schauspieler ließen mich in ihr Inneres blicken, doch genau das ist die Sache der superpräsenten Regisseure dieses Theatertreffens nicht. Sie scheuen Identifikatorisches wie der Teufel das Weihwasser. Ihr Element ist Comedy, Chor und Kabarett. Und das nimmt mir als Juror oft die Möglichkeit, junge Schauspieler gerecht zu beurteilen. Zumal sie angehalten zu sein scheinen, ihre darstellerischen Ausdrucksmittel eher am deutschen Vorabendprogramm zu orientieren als, sagen wir, an denen von Fritz Kortner oder ihrer eigenen Fantasie.

Aber nun habe ich Paul Herwig entdeckt und ihn für diesen Preis vorschlagen können, und das versöhnt mich dann doch mit manchem. Also ich gratuliere dir, Paul. Sehr von Herzen.

P. S. Noch eine kleine Anregung: Liebe Festspielleitung, verzichtet auf den Etikettenschwindel. Das waren nicht die zehn besten oder bemerkenswertesten Inszenierungen, bestenfalls die Top Ten. Und so solltet Ihr es auch nennen.

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