Jonas Kaufmann wird vom Publikum gefeiert

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Thielemann in Salzburg : Messer sagen’s besser
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Sechs Bühnen sollt ihr sein. Eine Ansicht von der Salzburger Front.
Sechs Bühnen sollt ihr sein. Eine Ansicht von der Salzburger Front.Foto: Agency People Image/Michael Tinnefeld

Der Regisseur hat ein uneheliches Kind hinzuerfunden, um noch deutlicher zu machen, warum Santuzza gesellschaftlich geächtet ist. Liudmyla Monastyrska singt sie mit der erschütternden Verzweiflung einer Frau, die sich an den letzten Hoffnungsstrohhalm klammert. Doch der Kindsvater Turiddu macht lieber mit der Nachbarin Lola herum (betörend schön: Annalisa Stroppa). Deren Gatte ist hier kein Kutscher, sondern ein skrupelloser Mafioso (auch vokal brutal direkt: Ambrogio Maestri), der darum kurzen Prozess macht. Turiddus emotional erstarrte Mamma (Stefania Toczyska) verweigert dem todgeweihten Sohn in Stölzls düsterer Deutung vor dem Duell sogar den librettomäßig vorgesehenen Segen.

Umso liebevoller wird Jonas Kaufmann anschließend vom Publikum gefeiert. Der Sängerstar debütiert an diesem Sonnabend gleich in zwei Rollen, übernimmt neben dem Turiddu auch noch den Canio in den „Pagliacci“. Kaufmann traut sich derzeit alles zu – und dieses Selbstbewusstsein kann man hören, im auftrumpfenden, siegesgewissen Strahl seines Tenors, der prachtvoll ist und robust, ja manchmal fast ein wenig zu hart vor lauter Manneskraft.

Für Leoncavallos Einakter, bei dem sich während der Aufführung einer Komödiantentruppe das Eifersuchtsdrama auf offener Szene abspielt, muss Philipp Stölzl zusätzlich eine Doppelperspektive einführen: Auf der unteren Ebene sitzt der Chor vor einer für die Zuschauer nicht sichtbaren Bühne, während das dortige Geschehen für die „echten“ Theaterbesucher frontal in der oberen Ebene stattfindet. Da wird es dann ein wenig zu maniriert-kompliziert, weil ja auch das Spiel mit den Parallelschauplätzen und Film-Nahaufnahmen weitergeht.

Die Solistenbesetzung ist auch hier erstklassig. An Kaufmanns Seite steht nun die graziöse Maria Agresta als Nedda, Dimitri Platanias ist ein agiler Tonio, Tansel Akzeybek sorgt als Beppe mit seiner Cavatine für einen Moment lyrischen Idylls, während es Alessio Arduini als Ehebrecher Silvio gar nicht nötig hat, sich in der Liebesszene unmotiviert das Hemd herunterzureißen: Sein Luxusbariton wäre wahrlich Lockmittel genug.

Und Christian Thielemann? Garantiert mit kapellmeisterlicher Souveränität für einen reibungslosen Ablauf des Doppelabends, koordiniert sicher seine Musiker mit dem um Salzburger Kräfte verstärkten Semperopernchor und den unablässig durch das halbe Dutzend Bühnen hechtenden Solisten. Eine Sogwirkung aber, wie bei seinen Wagner- und Strauss-Interpretationen, entwickelt sich hier nicht. Vor allem beim sehr robust instrumentierenden Mascagni fehlt den dramatischen Höhepunkten oft das Lodernde, die sinnliche Dringlichkeit. In Leoncavallos viel feiner gearbeiteter Partitur vermag die Dresdner Staatskapelle ihre Qualitäten besser auszuspielen, wenn sich technische Präzision mit exquisiter Tonschönheit verbindet, vor allem im dichten Streicherklang.

Am Ostermontag ist die Hälfte dieses Salzburger Experiments nachzuvollziehen: Dann zeigt das ZDF ab 23.15 Uhr eine Aufzeichnung der „Cavalleria rusticana“. Für Thielemann-Fans Pflicht: Wenn die Koproduktion mit der Semperoper in der kommenden Saison in Dresden herauskommt, hat der Maestro nämlich keine Zeit, sondern überlässt den Taktstock Stefano Ranzani.

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