Thielemanns Trauerrede : Wolfgang Wagner: Erster unter den Vätern

Wir dokumentieren die Trauerrede auf Wolfgang Wagner, die der Dirigent Christian Thielemann am Sonntag im Bayreuther Festspielhaus hielt.

Christian Thielemann
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Christian Thielemann.Foto: ddp

Der Dirigent Christian Thielemann ist dem Hause Wagner eng verbunden. Er hielt am Sonntag für die Künstler die Trauerrede, die wir leicht gekürzt wiedergeben.



„Es schmerzt uns alle tief und es ist auch noch nicht ganz wirklich in uns angekommen, dass wir künftig sagen müssen ,Wolfgang Wagner war…‘, anstatt von seiner Gegenwärtigkeit zu sprechen, selbst wenn diese zuletzt eine sehr zurückgezogene gewesen ist. Wir stehen erschüttert, weil wir spüren, welch große Persönlichkeit uns verlassen hat. Dass diese Größe keine erhabene und ferne oder unnahbare war, durften wir in den vielen wunderbaren Jahren unserer Zusammenarbeit mit Wolfgang Wagner immer aufs Neue erfahren.

Menschliche Nähe und Güte verbanden sich bei ihm mit einem geradezu unglaublichen Urwissen um die Werke seines Großvaters und die Besonderheiten, die Vorzüge wie die Tücken dieses einzigartigen Festspielhauses. Keiner kannte das Haus so gut wie er, keiner außer ihm wusste so ausgezeichnet Bescheid von den Bedingungen, die für das Gelingen einer Aufführung zu erfüllen sind.Niemand anderes als Wolfgang Wagner verstand mehr von den Notwendigkeiten künstlerischer Arbeit hier – und davon, wodurch Wirksamkeit und Erfolg zu erzielen sind.

Freigebig und stets mit sichtlicher Freude teilte er seinen unermesslichen Erfahrungsschatz gern mit jedem. Wer ihm offen und aufnahmebereit zuzuhören verstand, lernte in oft kurzer Zeit mehr über die Wagner’sche Musik und ihre Gestaltung, über ihr spezifisches Klangbild in Bayreuth, als manch anderer durch ausgedehnte Studien. Aber Wolfgang Wagner dozierte niemals, sondern mischte sich ein mit klaren, unmissverständlichen Hinweisen, gab konkrete Anregungen und leistete Hilfe, wo sie ihm nötig erschien.

Nicht von ungefähr war eins seiner meistgebrauchten Lieblingswörter „praktisch“. Er war ein Mann von solch ungeheurer praktischen Lebensenergie, wie er kein zweites Mal existiert. Das Machbare reizte ihn, forderte ihn heraus, weil das Resultat einer bestimmten künstlerischen Reflexion und Tätigkeit für ihn nicht der Endpunkt, sondern bestenfalls ein Haltepunkt in einem weitaus größeren und längerfristigen Entwicklungsprozess war. Das Erreichte stellte ihn daher auch nie so zufrieden, dass es nicht noch besser, noch verfeinerter gemacht werden könne.

Für mich und für viele der Bayreuther Mitwirkenden bedeutete die Arbeit mit Wolfgang Wagner ein schönes und lustvolles Lernen. Allein seine treffenden und schlüssigen Anmerkungen während der Bühnenorchesterproben, sein untrügliches Gespür für die musikalischen Strukturen hätten ein Kompendium der Aufführungspraxis Wagner’scher Werke ergeben. Er war, scherzhaft gesagt, unser bester Assistent. Als Dirigent seiner „Meistersinger“ lernte ich zu begreifen, was es heißt, eine Inszenierung aus dem Geist der Musik und aus den akustischen Raumverhältnissen zu formen. Seine Ratschläge, die Impulse, die er gab, die positive Kritik, die er ebenso beharrlich wie humorvoll übte, die häufig frappierenden Einsichten in Werkstrukturen, die so kenntnisreiche Vermittlung von gewissen Nuancen in den Partituren – all das hat meine Wagner-Interpretation wichtig und weiterwirkend beeinflusst.

Er war für die Bayreuther Festspiele ein Patriarch, in des Begriffs ursprünglicher Bedeutung: Erster unter den Vätern. Wir haben einander vertraut.“

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