Kultur : "Things I never told you": Ein Gestirn ist selten allein

Kerstin Decker

Die sprachliche Welt zerfällt in zwei Hälften. In die ausgesprochene und die unausgesprochene. Dabei ist die zweite Hälfte die natürliche Ergänzung der ersten. Außerdem ist sie, so vermuten Liebende und Verlassene gleichermaßen, die entscheidende. Ist Sprache nicht überhaupt das meistangewandte Mittel, nichts zu sagen?

Wenn Anne müde zu Hause ans Telefon geht und an der anderen Seite ihr Freund ist und Anne hinterher sagt: "Ist gut" - dann haben wir einen Einblick in die typische Sprachwelt der ersten Ordnung getan. "Ist gut." Ja, was soll man denn antworten, wenn der Mann, um dessentwillen man in einen lächerlichen kleinen Ort gezogen ist, einen lächerlichen kleinen Beruf auszuüben, einem mitteilt, dass er keineswegs zurückzukehren gedenkt an den lächerlichen kleinen Ort? Dann nimmt Anne die Flasche Nagellackentferner vom Tisch - Fingernägellackieren ist was für Unverlassene - und führt die augenblicklich nutzlos gewordene Essenz doch noch einer Verwendung zu. Anne trinkt sie aus. Solche Schritte sind nie ganz ohne Risiko, denn nachher hat man die Telefonnummern diverser Psychologen und sogar die der "Hoffnungs-Hotline" in der Tasche. Damit beginnt Isabel Coixets Kino-Karussell sich erst wirklich zu drehen.

"Things I never told you" ist von 1995; beinahe hätten wir dieses bemerkenswerte Stück angewandter Physik nicht mehr zu sehen bekommen. Physik, jawohl. Denn wie bewegt man so tonnenschwere Lasten wie die Liebe und die Verlassenheit? Man versetzt sie in die richtige Umdrehungsgeschwindigkeit, sorgt für den angemessenen Ausgleich von Schwerkraft (Nagellackentferner!) und Fliehkraft (der Junge vom Haus gegenüber, der Mann an der Hoffnungs-Hotline) und erhält die angenehmste erd- und liebumkreisende Schwerelosigkeit. Schwerelosigkeiten sind Zustände, in denen sich besonders gut nachdenken lässt. Über die "Dinge, die ich dir nie gesagt habe". Anne - mit Zartheit und Sprödigkeit gespielt von Lili Taylor - nimmt sich nämlich eine Videokamera mit nach Hause, genau solch ein Instrument, das sie in der allerersten Szene des Films noch einer alten Frau verkauft hatte. Als Prestigeobjekt, erklärte Elektro-Fachhändlerin Anne. Nun wird aus dem "Prestigeobjekt" das Überlebensobjekt. Denn der Videokamera vertraut Anne fortan jene Dinge an, die sie "ihm" stets verschwieg.

Und? Wir haben es geahnt: Sie sind gar nicht großartig, diese unausgesprochenen Betrachtungen über die Liebe und das Glück. Dass Glück eine Ungerechtigkeit ist, lauter solche Sachen. Vielleicht liegt doch eine tiefe Weisheit darin, dass die ungesagten Dinge ungesagt bleiben. Aber, und das ist wunderbar, Isabel Coixet weiß das auch. Sie hat kein Bekenntniskino gemacht, sie benutzt diesen Film nicht, um uns all das mitzuteilen, was sie schon immer sagen wollte. Nein, sie wandelt das allzu Bedrängende um in Kunst und Physik - in Umlaufbahn-Artistik eben.

Darum gelangen die geheimsten Videokassetten-Botschaften aus dem Anne-Universum auch in gänzlich unbefugte (Nachbars-)Hände und - lösen dort eine gewaltige Leidenschaft aus. Gibt es einen schöneren Trost der verzweifelten Mittelmäßigkeit? Auch zerstört Coixet wie nebenbei die größte metaphysische Illusion aller Verlassenen. Dass sie die Einzigen seien. Es stimmt eben nicht. Ein Gestirn ist selten allein. Und was für seltsamen Gestirnen wir hier begegnen. Nicht nur Don Henderson (Andrew McCarthy) von der nächtlichen HoffnungsHotline, der tagsüber für seinen Vater Häuser verkauft und dessen Argumentation in Liebesdingen Anne tief verbesserungswürdig findet, nein, da ist auch jener Mann, der sich vor Monaten mal aus Geldmangel einer gut vergüteten psychologischen Langzeitstudie über Erscheinungsformen der Depression zur Verfügung stellte und der, sonnenhellen Geistes seit je, fortan keinen lichten Tag mehr hatte. Er wird zuletzt verantwortlich dafür sein, dass alle hier beinahe aus ihrer (Verzweiflungs)Bahn geworfen werden.

Eine grobe Pointe? Aber nein. Es gibt keine groben Pointen bei Isabel Coixet, und manche hat sie so fein versteckt, dass man schon sehr achtsam sein muss, sie nicht zu verpassen.

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