Kultur : This is my time

Von der Gruppe 47 zu Sasha: Das Spektrum der Künstler, die zur Wahl der SPD aufrufen, hat sich verändert

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Von Helmut Böttiger

Die SPD hatte einmal Glamour. Einen Glamour, der ausgerechnet damit zu tun hatte, dass sie Opposition war. Es schien ungewöhnlich, wenn sie die Regierung stellen konnte. Jetzt, mit der Kanzlerschaft Gerhard Schröders, gibt es den Ruch des Ungehörigen nicht mehr. Selbst die Koalition mit den Grünen samt ihrer bewährten Straßenkämpfer und Systemüberwinder schafft es nicht, jenes Charisma zu entfalten, das besonders in intellektuellen und künstlerischen Kreisen Effekte erzielen kann. Die positivistische Spielart der Sozialdemokratie, das Machbare und Unideologische, für das Schröder steht, ist nur kurzzeitig in der Lage, einen gewissen Kick zu verleihen -– so wie es dem fast schon vergessenen letzten sozialdemokratischen österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky gelang. Von ihm stammen die berühmten Worte: „Wer Visionen hat, der braucht einen Arzt!" Visionen aber waren das Markenzeichen der deutschen Sozialdemokratie in der himmelsstürmenden Ära Willy Brandts: In diesen wenigen Jahren entstand die Vorstellung, Schriftsteller seien automatisch auf der Seite der SPD.

Schon zur Bundestagswahl 1965 wurde ein „Wahlkontor deutscher Schriftsteller" gegründet, und neben schon gestandenen Recken der „Gruppe 47" wie Günter Grass engagierten sich auch jüngere Hitzköpfe wie Bernward Vesper und Gudrun Ensslin für die SPD. „Blauer Himmel über der Ruhr", hieß ein Wahlslogan der SPD 1965, das war damals radikale Avantgarde. Noch bis Mitte der Siebzigerjahre waren die Fronten klar: Es gab eindeutig links und rechts, kein ernstzunehmender Schriftsteller konnte sich ein Engagement bei der spießigen CDU vorstellen. Spätestens während der Amtszeit Helmut Schmidts jedoch verflachte das Spiel. Man begann, gesellschaftspolitische Entwürfe zu beargwöhnen, man war desillusioniert und verwandte diese Desillusionierung als Waffe. Der Herold des neuen, flexiblen Zynismus wurde der lyrische Essayist Hans Magnus Enzensberger. Er lässt sich nicht festlegen, schon gar nicht auf eine parteipolitische Option. Grass, der bei seinen Leisten blieb, entwickelte sich immer mehr zum Auslaufmodell.

Würstchen mit Kartoffelsalat

Was bis weit in die Siebzigerjahre hinein selbstverständlich schien, war bald kaum noch erkennbar: CDU und SPD wurden immer weniger als Alternativen wahrgenommen. Während die SPD 1969 noch die treibende Kraft bei der Modernisierung der bundesdeutschen Gesellschaft war, sah das beim Amtsantritt Schröders 1998 völlig anders aus. Schröder wollte kaum etwas „anders", aber einiges "besser" machen als Helmut Kohl. Es ging nicht mehr um eine Richtungsentscheidung. Es ging vor allem um ein neues Politik-Design.

Parteipolitisches Engagement liegt jüngeren Schriftstellern heute so fern wie niemals zuvor. Nichts, was auch nur im Ansatz mit der Gruppe 47 oder ihren Interessen vergleichbar wäre. Großschriftsteller, die als moralische Instanz auftreten, sind in den Generationen nach Böll und Grass nicht mehr denkbar. Der Zeitgeist drückt sich nicht mehr unbedingt politisch aus – die Diskussionen um eine „Generation Golf", eine „78er-Generation", um ein „Fräuleinwunder" oder eine neue konsumistische Abart der Pop-Literatur zeigen, dass die Literatur sogar gern den ihr zugewiesenen Platz in der Freizeitgesellschaft einnimmt. Aber auch die Schriftsteller, die sich politisch artikulieren, tun dies abseits jeglicher politischen Partei. Thomas Meinecke, Norbert Niemann, Ulrich Peltzer oder Kathrin Röggla sind Autoren, deren literarische Texte oft explizit politisch sind; sie artikulieren ein Unbehagen an der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation, manchmal auch konkret am Kriegseinsatz der Bundeswehr auf dem Balkan oder in Afghanistan. Das lässt sich mit dem politischen Pragmatismus der Regierung nicht vereinbaren. Die „Attac"-Bewegung, die Lektürezirkel des „Empire"-Buches von Michael Hardt und Antonio Negri, die Anti-Globalisierungsgruppen, die für solche Autoren Anknüpfungspunkte bieten, haben mit der SPD erst recht nichts zu tun. Sie ist ein Gegner, und das unterscheidet die heutige Situation vom gesellschaftspolitischen Aufbruch in den Sechzigerjahren.

Gerhard Schröder hat dieses Defizit natürlich erkannt. Er veranstaltete, von seiner Public Relations-Abteilung groß in Szene gesetzt, gemeinsame Abendessen mit Schriftstellern im Bundeskanzleramt. Die eingeladenen Künstler wussten erstaunlich übereinstimmend davon zu berichten, dass der Kanzler „gut zuhören" könne. Junge Autoren verzehrten nach Lesungen zusammen mit dem Kanzler an Stehtischchen Würstchen mit Kartoffelsalat. Dass die Offensive Gerhard Schröders eher taktischer Natur war, ein geschicktes Zitieren der früheren Verbindung von Sozialdemokratie und Literatur, trat nach ein paar Gesprächsfetzen jedoch immer deutlicher in den Vordergrund.

Der Schriftstellerdarsteller

Die Inszenierungs-Kunst Gerhard Schröders unterscheidet sich grundlegend vom demokratischen Pathos Willy Brandts. Diese Unterscheidung wird sogar augenzwinkernd mitinszeniert. Den Schriftstellern bleibt es vorbehalten, sich mehr oder weniger raffiniert der Rolle des Hofnarren zu entziehen. Das role model für die Schröder-Variante des politischen Schriftstellers liefert Peter Schneider, der den neuen Beruf des Schriftstellerdarstellers perfektioniert hat. Im Februar dieses Jahres sprach er im Haus der Berliner Festspiele mit Schröder. Dabei bekannte Schneider, der schon 1968 auf der Höhe der Zeit war, er sei damals „kein Demokrat" gewesen. In dieser pragmatischen Eintracht sollten in der Schröder-Ära Geist und Macht teilweise wieder parallel laufen: ein Geschichtsspiel, das Irritationen durch eine nachwachsende Generation eher ausschließt. Und der Hauptdarsteller ist Schröder selbst. Bei der ersten Lesung, die im Bundeskanzleramt stattfand, erhielt Schröder Beifall auf offener Szene, als er Günter Grass das Weinglas nachtrug. Wochen später, beim öffentlichen Treffen mit Peter Schneider, erhob sich Schröder ähnlich effektvoll, um Schneider Wasser nachzuschenken. So werden die Schriftsteller in der Medieninszenierung Schröders von Hauptfiguren wieder zu Nebendarstellern.

Die Liste der Künstler, die jetzt zur Wahl der SPD aufrufen, wirkt fast kontraproduktiv. Sicher, an Günter Grass führt kein Weg vorbei, und auch nicht an alten sozialdemokratischen Haudegen wie dem Plakatkünstler Klaus Staeck oder dem Literaturfunktionär Johano Strasser. Zwar haben sich mit Volker Schlöndorff, Dominik Graf, Caroline Linke und anderen ungewöhnlich viele Filmemacher zur SPD bekannt, es ist aber kein einziger jener Schriftsteller der jetzt auf den Plan getretenen Generation dabei. Die Schröder-SPD scheint weniger für jüngere Intellektuelle anziehend zu sein als für Mediengrößen dieser Generation. Das ist die Konsequenz der von Schröder gesetzten Prioritäten: Der erste Medienkanzler hat sich dieses Parkett virtuos erobert; aber in den Medien, die er meint, fungieren Schriftsteller nur als Attrappen.

Unter den Wahlaufrufern für die SPD finden sich n wie die der Schauspielerinnen Iris Berben, Senta Berger oder Hannelore Elsner, die vor allem durch das deutsche Fernsehen bekannt sind. Und der des ehemaligen Fußballprofis und jetzt als "Business Consultant" firmierenden Jürgen Klinsmann (Business Consultant! Diese Berufsbezeichnung ist ganz aus dem Geiste der Ära Schröder; vielleicht hat er diesen Inbegriff der „neuen Mitte" sogar erfunden). Für Schröder engagieren sich, und das ist neu, aber auch Teeniestars wie Smudo von den „Fantastischen Vier", der Pop-Moderator Ron Williams, die Schauspielerin Claudia Weiske aus der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und der Schlagersänger Sasha. Während der Fußball-Weltmeisterschaft unterlegte Sat1, der ehemalige Hofsender des CDU-Kanzlers Helmut Kohl, seine Sondersendungen mit dem Sasha-Titel „This is my time" – so ungefähr hat sich Schröder das vorgestellt. Dies soll seine Zeit sein. Er will die CDU mit ihren eigenen Waffen schlagen, mit Populismus und einer Breitbandquote. Sasha, der All German Boy aus einem kleinen Dorf bei Dortmund, der schwiegersohnorientierte Schmachtfetzen mit der stillgelegten Punk-Frisur: Einer wie er könnte jetzt den gesellschaftlichen Platz einnehmen, den früher die Schriftsteller besetzten. Deswegen machte Sasha angesichts der Wahlprognosen auch einen Rückzieher: Er ruft nur noch „alle" auf, „die eine Stimme zum Wählen haben, diese auch zu nutzen". Man muss eben die Zeichen der Zeit erkennen – da hat er von Schröder gelernt.

Von der Gruppe 47 zu Sasha – diesen Weg hat die deutsche Sozialdemokratie zurückgelegt. Doch die für Schröder programmatische Medienwirklichkeit scheint nicht ganz dasselbe zu sein wie das, was Künstler wittern. Vielleicht wären ein paar Visionen doch ganz gut gewesen...

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