Kultur : Thomas Bernhard - eine Erinnerung

Der dramatische Dichter, der in vielen Stimmen, doch ohne wahre Widerrede erzählende Dramatiker, ist heute vor zehn Jahren im oberösterreichischen Gmunden gestorben.An einem 12.Februar, Todestag auch Immanuel Kants, den Thomas Bernhard ein Jahrzehnt zuvor zur Titelfigur eines seiner Stücke gemacht hatte.Der Philosoph und Wissenschaftler, bei Bernhard Passagier mit familiärer Entourage auf einem Hochseedampfer, unterwegs in die Neue Welt ("Columbus hat Amerika entdeckt / Amerika hat Kant entdeckt"), ist blind.Naturgemäß ein blinder Seher, dem die Geschichte nichts ist als "ein tödlicher Prozeß", wie alles Leben, und der im nächsten Atem, welcher bei Bernhard der immereine Atem ist, ausruft: "Aber die Geschichte ist eine Augenweide / Eine Augenweide"; so steht der Blinde, in der Rede erstarrt, ein weltverbessernder Weltverächter, ohne Auge zeitlebens für seine Frau und alle Frauen, aber am Ende umarmt, umtanzt von einer Millionärin.

Ein Bild, als zeichnete es seinen Schöpfer.Und tatsächlich hat Thomas Bernhard, der die Frauen nicht liebte, aber einige schätzte, und auch von mindestens einer Millionärin als junger, lungenkranker Mann entscheidend gefördert wurde, immer wieder seine Eigenwelt zur ganzen Welt gemacht.Das ist im Werk von Autoren und Künstlern zwar nichts Besonderes.Und es ist auch nicht verwunderlich, daß zehn Jahre nach seinem Tod nun in immer mehr Dokumentationen und Erinnerungen die Orte und Menschen seines Lebens den Figuren und Schauplätzen der Romane, der Novellen und Dramen zugeordnet werden.Leicht übersehen aber wird bei solch werkbiographischer Recherche, daß Bernhards geschriebene Welt in jedem Falle nur, mit einem Gedichttitel Peter Handkes zu sprechen, die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt seiner gelebten, gedachten und vor allem gesprochenen Existenz bedeutete.

Das war für die, die diesen angeblich menschenscheuen, im vertrauten Umgang vielmehr liebenswürdig sarkastischen Schriftsteller kannten, das Ungeheure, bisweilen erheiternd Erschreckende: Thomas Bernhard redete auch im persönlichen Umgang mit einer schier gespenstischen Geistesgegenwart, fast immer druckreif, unerschöpflich bildreich, wortmächtig.Bernhard war - wie die alten Sagenerzähler, wie einer aus dem Stamme Homers, des blinden Sängers - ein letzter leibhaftiger Mythomane, Fabulierer, Rhapsode.Bernhard vermochte stundenlang und mit einem mir heute von keinem anderen Autor bekannten Talent der allmählichen Verfertigung des Gedankens, der Geschichte beim Reden zu erzählen: mit Steigerungen und Katarakten, im Rederausch, in der Lust an den sich fabelhaft fortzeugenden Sätzen, ein geradezu tropischer Kopf, voll wuchernder Einfälle, Pointen, Volten, immer neuen komischen Katastrophen.

Im Sommer vor einundzwanzig Jahren durfte ich ihn, den damals Kritiker prinzipiell Abweisenden, zum ersten Mal auf seinem Hof in Ohlsdorf bei Gmunden besuchen.Damals sprachen wir einen halben Tag lang bei 30 Grad Hitze, ohne Pause, ohne auch nur einen Schluck Wasser (denn sein Lebehaus glich schon damals einem unbewohnten Museum, die Küche ein Ausstellungsraum, selbst die Pantoffeln im rechten Winkel vor seinem Bett, akkurat nebeneinandergepaart wie zwei Puppensärge, schienen einem vor Zeiten Verstorbenen zu gehören).

So also unterhielten wir uns über die Kunst und die Welt, die Literatur, das Theater und Bernhards Schreiben, und Bernhard redete in jenen fünf Stunden gewiß viereinhalb, bis zur völligen Erschöpfung.Doch wie er schrieb: Kaum einmal "ich" sagend, immer die erzählende Instanz, ganz Wortkomponist, dem so geflügelte Begriffe wie "Geisteskappe" oder "Welthammer" ganz selbstverständlich von den Lippen gingen, meist konzentriert dabei auf die musikalische Syntax, auf die Hauptwörter und aufs Verbum, kein Stimmungsmaler, und der Satz Chateaubriands zu seinem Sekretär - "Bevor Sie ein Adjektiv benutzen, fragen Sie mich!" -, er hätte von Bernhard stammen können.

Der Zusammenklang von Kunst und Leben gilt häufig genug als schöne Utopie.Doch bei Bernhard wirkte dieser Einklang auch unheimlich.Man wußte eben nie, was war Dichtung und Wahrheit, denn das Gesagte, Erzählte unterschied nicht die Sphären.Und Bernhard, der zugleich ein Spieler war, hatte seinen Spaß an der Übertreibung und Narretei.Die auch den Mitspieler, seinen Zuhörer, Zuschauer mit zum Narren machte.Auf meine Frage beispielsweise, ob er je Briefe schreibe, antwortete Bernhard: "Briefe nie.Man darf ja niemandem etwas in die Hand spielen." Umso größer die Überraschung, als zwei Tage nach der Abreise aus Ohlsdorf, Bernhards erster Brief eintraf: mit einer phantastischen Geschichte, die sich bei ihm unmittelbar nach meiner Abfahrt ereignet habe, mit dem (später Literatur gewordenen) Neffen Paul des Philosophen Wittgenstein, mit einem Kardinal und dem Schauspieldirektor Claus Peymann.Später, im November schrieb Thomas Bernhard dann freilich einen ganz anderen Brief: "Es wäre besser, ich könnte mit Ihnen durch den Nebel spazierenlaufen, als Ihnen zu schreiben, wo doch Wörter, wie Sie wissen, immer alles schon im Augenblick zunichte machen, was gerade noch Empfindung und Gedanke in einem gewesen ist.Aber wir werden beide auch in Zukunft davon und damit zu existieren haben, daß wir nur Zerstörung auf dem Papier anrichten, wenn auch fortwährend in Leidenschaft, die längst zur Gewohnheit geworden ist."

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