Thomas Brussigs DDR-Fantasie : Die breierne Zeit

Hilfe, Satire: Thomas Brussig erfindet in seinem Roman "Das gibts doch nur im Russenfilm" der DDR ein Fortleben nach dem historischen Untergang.

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In der Fantasie ein Dissident. Thomas Brussig.
In der Fantasie ein Dissident. Thomas Brussig.Foto: Heike Steinweg/S. Fischer

Er werde, gab er in einer Befindlichkeits-Plauderrunde mit Thea Dorn und Jana Hensel zu Protokoll (unter dem Titel „Sind wir ein Volk?“ gerade im Herder Verlag erschienen) überall auf der Welt als deutscher Schriftsteller wahrgenommen. Nur in Deutschland gelte er als ostdeutscher, obwohl es doch gar keine genuin westdeutschen Autoren gebe. Also liege es für ihn nahe, bei seinem mit zunehmendem historischen Abstand nobelpreisverdächtigen Thema, der DDR, zu bleiben und das Fortleben des Landes in einem Gedankenspiel zu verlängern: Was hätte ihm geblüht, wäre 1989 die Mauer nicht gefallen?

Natürlich weiß ein gewiefter Schriftsteller wie Thomas Brussig, dem wir unvergessliche Mauerkomödien wie „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ oder „Helden wie wir“ verdanken, um die „Tücken des kontrafaktischen Erzählens“, wie er in seinem neuen Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ einräumt. Doch angesichts des unglaubwürdig konstruiert wirkenden Endes des ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden, seiner sanften, gewaltlosen Implosion, ist jedes zusammenfantasierte Nachleben auch nicht unwirklicher, soweit die Geschichte nur gut erzählt ist.

Um zu erklären, warum jemand, der mit der DDR eigentlich hadern müsste, das Land nicht verlässt, erfindet Brussig eine Schlüsselszene: Während einer Lesung am 20.8.1991 im Berliner Babylon gibt er das Versprechen, „erst in den Westen zu fahren, wenn jeder in den Westen fahren kann“. Sodann, erst ein Telefon anzuschaffen, wenn alle telefonieren können. Und schließlich Milan Kunderas „Unendliche Leichtigkeit des Seins“ erst zu lesen, wenn alle es dürfen. Dieser aus einer Laune heraus abgelegte Eid wird Brussigs fiktive Biografie bestimmen.

Sie entspinnt sich burlesk entlang der historisch verbürgten Daten: 1964 geboren und im Osten Berlins aufgewachsen, dient der „Pablo Neruda der Kompanie“ zunächst in der NVA: Brussigs vor versammelter Mannschaft verlesenes Tagebuch wird zu einer öffentlichen Blamage, und er schwört sich, „niemals wieder in eine Lage zu geraten“, die ihn erpressbar macht. Dass er dann, statt zur Kripo zu gehen (was soll ein Gesichtsblinder wie Brussig bei der Polizei?), anfängt, Romane zu schreiben, verdankt sich langweiligen Lektüreerfahrungen. Wenn man in der DDR etwas lesen will, was das eigene Lebensgefühl wiedergibt, muss man sich schon selbst an den Schreibtisch setzen.

Dass ein widerspenstiges Werk dann aber durch die Zensur rutscht, ist Zufall: Kurz zuvor ist Christa Wolf dem allgewaltigen Beurteilungspapst zum Opfer gefallen und der systemimmanente Verbotshunger erst einmal gestillt. So etwas kratzt natürlich am Ego, weshalb Brussig, nun Schriftsteller „mit behördlich genehmigter Asozialität“, Anschluss sucht an die literarische Prenzlauer-Berg-Szene. Dabei erklimmt er satirische Spitzen: Was darf ein erster Satz im Roman? Ist unter schöpferischen Gesichtspunkten das Sitzen oder das Stehen vorzuziehen? Das allgegenwärtige Misstrauen gegenüber dem jungen Mann, der eigentlich „nur zuhört und sich nie engagiert“, ist immens. Es braucht Zeit, bis der kleine Anpassler zum „Edel-Dissidenten“ aufsteigt. Vorerst kanalisiert das einmal gegebene Versprechen sein weiteres Leben:

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