Thomas Feuerstein-Ausstellung : Wenn der Marmor sauer wird

Der Bildhauer als Chemiker: Thomas Feuersteins Ausstellung „Prometheus delivered“ verwandelt das Berliner Haus am Lützowplatz in ein faszinierendes Laboratorium.

Jens Hinrichsen
Zersetzung. Thomas Feuersteins Arbeit „Prometheus, delivered“ von 2017.
Zersetzung. Thomas Feuersteins Arbeit „Prometheus, delivered“ von 2017.Foto: Thomas Feuerstein/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Das Haus am Lützowplatz ist zum Laboratorium mutiert, so scheint es. In einem Bioreaktor blubbert eine farblose Flüssigkeit. Weitere große Glaskolben, dazu Schläuche, Messinstrumente, Chemikalienflaschen sind über die Ausstellungsräume verteilt. Der Künstler Thomas Feuerstein steht vor einem Medizinschrank voller Glasbehälter, die teils funktional, teils skulptural wirken. Was ist das nun: ein Glasschrank für Experimente? Eine Kunstvitrine? Beides, vertrackterweise.

Wenn Feuerstein – 1968 in Innsbruck geboren – mit österreichischem Zungenschlag Wörter wie „Pandoraviren“ und „chemolithoautotrophe Bakterien“ ausspricht, klingt das wie Poesie. „Ich habe nichts dagegen, wenn die Werke ästhetisch gelesen werden“, sagt der Künstler und verweist auf zig dünne schwarze Schläuche, die über den Boden mäandern. Für das zentrale Experiment in der Schau seien etliche Schlauchmeter nicht nötig gewesen. Aber als Raumzeichnung ist das Leitungs-Lineament eben was fürs Auge.

Sich selbst essen

Doch der reine ästhetische Reiz ist nicht Feuersteins Ding, das ist klar. Er hat eine klassische Akademieausbildung absolviert. Und zeichnet hervorragend, das belegen in der Schau wüste Manga-Bilder voller Oktopusse und Riesenwürmer mit zähnebewehrten Schlünden. Feuerstein hat überdies Philosophie studiert und ist als Dozent an Hochschulen gefragt.

Ein Mann der Sprache, auch das. In seiner trotz medialer Vielfalt und Werkfülle doch thematisch konzentrierten Ausstellung ist ein „Kino“ dunkel abgehängt. Dort lauscht man Feuersteins Hörspiel „Die Prometheus-Protokolle“, wo Science, Fiction und Fantasterei in einer Expeditions-Story zusammenfinden. Ganz düster ist die Koje nicht. Aus dem Inneren einer Glaskuppel leuchtet phosphorhaft ein schleimiges Alien. Von „Oktoplasma“ ist im dystopischen Hörstück die Rede. Erzählt wird von einem aus menschlichen Leberzellen synthetisierten Organismus, der Industrie und Welternährung revolutioniert. Die Natur kann geschont werden. Es lebe die Autophagie. „Man traut keinem Politiker, keiner Ideologie, keiner Idee von Gesellschaft, man traut und isst nur sich selbst.“

Die Sagengestalt wird zur Schlüsselfigur der Schau

Fortschritt ist ambivalent, sogar selbstzerstörerisch. Dieser Gedanke wird bereits von der griechischen Sagengestalt des Prometheus verkörpert, der Schlüsselfigur der Schau. Prometheus, der Feuerbringer, schenkt den Menschen Technologie und Kultur. Er lehrt die Menschen – je nach Überlieferung – die Götter zu übertreffen, sogar zu töten, selbst Leben zu schaffen. Mit den Göttern verschwindet die Natur. Der Mensch bleibt, um die Welt zu verbrennen.

Prometheus, das ist auch der an den Kaukasus gefesselte Mann, dem von einem Adler die täglich nachwachsende Leber aus dem Leib gerissen wird. Nicolas-Sébastien Adams Marmorfigur „Prométhée enchaîné“ (1762, im Louvre) stellt Zeus’ Strafaktion dar. Feuerstein hat eine 1:1-Replik der Skulptur herstellen lassen, Löcher in den Marmor gebohrt und führt dem Material seit diesem Frühjahr – erst im Studio in Innsbruck, nun in der Ausstellung – stetig eine saure Lösung zu, die im Bioreaktor mittels Bakterien gewonnen wird. Die Replik löst sich langsam auf, es entsteht Gips, den Feuerstein zu Zeichenstiften weiterverarbeitet. An anderen Stationen im Haus am Lützowplatz wachsen Leberzellen menschlichen Ursprungs, es wird sogar ein „Leberschnaps“ gebrannt, den Feuerstein zur Verkostung anbieten könnte. Tut er aber nicht: „Ich will die Grenze zum gefühlten Kannibalismus nicht überschreiten.“

Feuerstein verklammert Mythos und Technik

Eindrucksvoll verklammert Thomas Feuerstein Mythos und technologische Möglichkeit, kreuzt Kunstschaffen mit Laborprozessen. Dass der experimentelle Weg von Prometheus’ Marmorleib zum organischen Extrakt unterbrochen, in Teilen nur behauptet ist, tut der Wirkung keinen Abbruch. Ist Prometheus nur eine Sagengestalt? Viel mehr, ein Zukunftsbild! Und trotz immanenter Risiken vielleicht: Pate einer kommenden Utopie.

bis 19. November, Di – So, 11 – 18 Uhr

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