Thomas Heises Film "Städtebewohner" : Gewalt und Zärtlichkeit

Für seinen Dokumentarfilm „Städtebewohner“ hat Thomas Heise einige Wochen im mexikanischen Jugendgefängnis gelebt. Um junge Gewalttäter zu porträtieren, mit der Kamera und mit Hilfe von Brecht-Gedichten.

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Fünf Jahre, maximal. Das Jugendgefängnis San Fernando im Süden von Mexiko City.
Fünf Jahre, maximal. Das Jugendgefängnis San Fernando im Süden von Mexiko City.Foto: Thomas Heise

Sie sind fast noch Kinder, 15, 16, 17, haben Jungengesichter. Sie sitzen im Jugendgefängnis San Fernando im Süden von Mexiko-City, als Diebe, Totschläger, Mörder. Die Gewalt und die Kindlichkeit, zusammen will es einem nicht in den Kopf.

Die Drogen, die Kriminalität, die Korruption, kürzlich das Massaker an den Studenten, das ist das übliche Mexiko-Bild. Der Berliner Filmemacher Thomas Heise hat einen aufregend unüblichen Film darüber gedreht, über drei minderjährige Gewaltverbrecher, Samuel, Ever, Irving. Sie sitzen fünf Jahre, maximal. Was immer sie getan haben, sie sollen schnell wieder raus, bekommen während der Haftzeit Bildung und Kultur, damit die Kette Straftat-Gefängnis-Straftat-Gefängnis durchbrochen wird. So war es bis vor Kurzem, erklärt Heise. Der Gefängnisdirektor ist ein halbwegs liberaler Mann, inzwischen gelten wieder striktere Regeln.

„Städtebewohner“ erzählt in ruhigen Bildern von den Jungen, geborene Verlierer, die kaum eine Chance haben. Die mit der Gewalt aufwachsen und nicht selten im Auftrag morden. Ein Erwachsener bekommt lebenslänglich, also überlässt er einem Jungen das Töten, gegen Geld. An Heiligabend hockt Irving mit seinem Vater im Gras auf dem Gefängnishof, sie unterhalten sich über den besten Winkel beim Kopfschuss. Die Kugel prallt leicht am Schädel ab, Irving ist das mit der 45er passiert. Er schaut kurz in die Kamera, als er das sagt, verunsichert, dann fragt er den Vater, ob er ihm hochhelfen soll.

Brutalität und Zärtlichkeit. An Weihnachten sind sie im Gefängnis labiler und die Wärter besonders nervös, auch das zeigt der Film. Dennoch ist „Städtebewohner“ ein ruhiger Film geworden, ein gespenstisch ruhiger Film über das Monströse im Menschen. Vom Licht modellierte, wunderschöne Schwarz-Weiß-Aufnahmen (Kamera: Robert Nickolaus), mehr Stillleben als Dokumentarfilm. Mit symphonischem Soundtrack vom Babelsberger Filmorchester und Versen von Brecht als Momente der Befremdung, als Störmanöver. Zu Beginn, man sieht die Straßen der ländlichen Vorstadt, rezitiert eine Frau aus dem Off „In jener Nacht, wo du nicht kamst...“. „An M“, von 1922.

Heise hat mit kleinem Team über Weihnachten und Silvester 2012/2013 im Gefängnis gewohnt, mit Matratzen und Schlafsäcken in einer Massendusche, hat ein Brecht-Theaterstück mit ihnen erarbeitet und parallel dazu gefilmt. Der Regisseur, Jahrgang 1955, hat sich schon öfter mit jugendlichen Gewalttätern befasst, etwa mit jungen Rechtsradikalen in Halle, 1992, in „Stau, jetzt geht’s los“. Aber diesmal war es Zufall, erklärt er. Das GoetheInstitut veranstaltete eine Heise-Retro, sie fragten ihn, ob er vor Ort Theater mit Gefangenen machen könne. Heise kann Theater, aus der Zeit mit Heiner Müller am BE, die beiden waren befreundet.

Da die deutsche Filmförderung ihm ein Graus ist, sagte er gleich zu. Unterkunft und Transporte waren finanziert, „und ich dachte, wenn ich schon mal drin bin, nehme ich ein Team mit“. Theater-im- Gefängnis-Filme gibt es genug – etwa den Berlinale-Sieger 2012, „Caesar muss sterben“ –, also sollte der Film nichts mit der Theaterarbeit zu tun haben. „Das ist, wie wenn man Musik mit Straßenkindern macht, es hinterher rumreicht, sich zurücklehnt und ,schön’ sagt. Ich komme Menschen nahe. Ich erziehe die nicht.“

Nicht die Ausnahme wollte Heise filmen, sondern den Alltag. Im Film sagen die drei lange nichts, man sieht einen hinter Gitter tigern, einen, wie er Haare schneidet, seinem Kumpel den Kopf streichelt. Nach und nach sprechen sie doch. Unmerklich geht die Prosa über das eigene miese Leben in einen Brecht-Psalm über, oder ein Gedicht aus dem „Tagebuch für Städtebewohner“. Und immer wenn man denkt, jetzt wird aber geschönt, fällt ein Realitätsschock-Satz. Dass einer der Jungs schon Vater ist. Oder die Sache mit dem Winkel beim Kopfschuss.

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Beim Theaterprojekt machten viele mit, weil sie aus ihren Höfen rauskamen. Ein Insasse von Hof 4.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Thomas Heise
24.11.2014 14:36Beim Theaterprojekt machten viele mit, weil sie aus ihren Höfen rauskamen. Ein Insasse von Hof 4.

„Städtebewohner“, schreibt Heise, ist seine Antwort auf eine Enttäuschung. Auf die Enttäuschung seiner Protagonisten darüber, dass Heises kleines Team San Fernando Ende Januar wieder verließ. Heise versprach, mit dem fertigen Film zurückzukommen. Aber als er wieder nach Mexiko reiste, hatte die Regierung gewechselt. Er durfte nicht mehr ins Gefängnis, auch die Entlassenen waren nicht leicht zu kontaktieren. Zu der einen Adresse, die er herausfand, wollte der Taxifahrer ihn nicht bringen. Zu gefährlich, sagten alle.

Ich kann raus, die bleiben da. Schwer, damit umzugehen, meint Heise, „man muss es aushalten“. Er kennt das von früheren Arbeiten. Minderjährige Mörder: das Unvorstellbare, das Undarstellbare, manchmal blitzt es auf, in einer Geste, einem Blick. Ist ein Menschenleben in Mexiko weniger wert? Heise hält dagegen. „Das Gewaltpotential ist bei uns kanalisiert“, in den Ritualen der Zivilisation. Und Europa geht nicht besser mit Menschenleben um. „Wir schotten uns ab, lassen Tausende an den Grenzen ertrinken, aber schalten den Staatsschutz ein, wenn Gedenkkreuze für Mauertote verschwinden.“ Heise zitiert Heiner Müller: „Wenn wir hier in Europa vom Frieden reden, dann reden wir vom Frieden im Krieg.“ Der Westen beherrsche die Kunst, sich für nicht zuständig zu erklären.

Förderung hat Heise für „Städtebewohner“ gar nicht erst beantragt, lieber Rücklagen aufgebraucht. Die Berlinale lehnte den Film ab, das Forum wie das Panorama. Seitdem lief er auf etlichen anderen Festivals. Oder ist es eher Videokunst? Theater, Kino, Hörspiel, Installation, Heise war das schon zu DDR-Zeiten egal. „Wenn das eine nicht geht, mache ich das andere.“ Eine Installation kann mit Lottomitteln bezahlt werden, ein Dokfilm nicht. Zu „100 Jahre Volksbühne“ hat am 3.12. seine Installation „Fabrik“ Premiere, mit Bildern aus dem Innenleben eines anderen Hauses: des Theaters am RosaLuxemburg-Platz.

Volksbühne, 26.11., 20.30 Uhr. Ab 4.12. Kino Krokodil. Infos: www.heise-film.de

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