Kultur : Thomas Hürlimann: Der Pantoffelheld

Hauke Hückstädt

Schon in seinem letzten Buch, "Der große Kater", hat sich der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt: sein Vater, ehemaliger Bundespräsident, wurde dort literarisch verfremdet in Szene gesetzt. In seiner neuen Novelle, "Fräulein Stark", erschienen im Züricher Ammann Verlag (192 Seiten, 38 Mark), kommt jetzt kaum verhüllt Hürlimanns Onkel vor, Johannes Duft mit wahrem Namen, lange Jahre Bibliothekar in der hehren Stiftsbibliothek von St. Gallen. Der 86-jährige Monsignore Duft hat nun, kaum ist Hürlimanns Novelle in die Buchhandlungen gelangt, eine zehnseitige Schrift mit frommen "Berichtigungen" publiziert, und in der Schweiz ist eine Debatte entbrannt. Wittert man etwas Skandalöses - geht es hier etwa um Sex?

Der 50-jährige Hürlimann führt uns in die frühen sechziger Jahre, und schon bei den ersten Sätzen vergisst man alles Drumherum. Der Text strahlt eine Alpen- und Gelehrtengemütlichkeit ab, die einem die wenigen zeitbezüglichen Inventarien (Remington-Schreibmaschinen, ein Ford 17 M, Rasierapparate für Damen, jetzt: Lady Shaver) fast als störende futuristische Applikationen vorkommen lässt. Es muss an Hürlimanns unaufgeregtem Stil liegen, an der behutsamen Komposition der Wörter und Sätze, die wie die titelstiftende und beim Namen zu nehmende Protagonistin Fräulein Stark "schlichte Varianten" sind: Nichts wirkt hier angestrengt, und es zieht einen mit fast unmerklichem Sog hinein in Hürlimanns Welt.

Auch der Humor ist, was man fein nennt: ein arglos versponnenes Reiben von Motiven, Charakteren, Widerworten. Was dabei entsteht, ist ein souveräner Ton und eine Beobachtungsschärfe, sanftmütig und tendenziell bösartig. Dieser Kontrast ist es, der Nicht-Schweizern irgendwie verständlich machen mag, warum mit dem Start von "Fräulein Stark" inzwischen die halbe Schweizer Leserschaft auf Enthüllung aus ist - doch eben Enthüllung von wem oder was eigentlich?

Wollsockenes Onanieren, ein bisschen viel Alkohol vielleicht und etwas Frigidität, verteilt auf die drei Protagonisten der Novelle und auf eine keineswegs entehrte Stiftsbliothek. Alle gab es so, nichts war jemals genau so, alle gibt es noch. Aber einer von ihnen hat was davon aufgeschrieben: Voller Kunscht! Und Punkt. Der Ich-Erzähler heißt Nepo Katz, und die Ungefährheit der von ihm gerade zu durchlebenden Pubertät ist das kleine vergnügliche Schwungrad der Novelle. Der junge Katz hat einen Sommer bei seinem so gelehrten wie trink- und fremdsprachenfesten Onkel, dem Monsignore, zu verbringen. Schon der erste Absatz nimmt uns für ihn ein, indem er das liebenswert Stiftersche sogleich mit einem Hauch Erotik und Ironie verbindet: "Mein Onkel war Stiftsbibliothekar und Prälat, seine Hüte hatten eine breite, runde Krempe, und gedachte er die Blätter einer tausendjährigen Bibel zu berühren, zog er Handschuhe an, schwarz wie die Dessous meiner Mama. An Bord unserer Bücherarche, sagte der Onkel, haben wir schlicht alles, von Aristoteles bis Zyste."

Da sind dann auch schon Motive aufgezogen, die Hürlimann im Folgenden oft, vielleicht zu oft, aber doch immer leichthändig anklimpert. Tatsächlich ist die Stiftsbibliothek so etwas wie eine Arche, ein rollendes Schiff auf den Wogen erster Empfindungen, jedenfalls für den Neffen Nepo. Er ist für Wochen der "Pantoffelministrant am Portal zur Bücherkirche", betraut damit, den anreisenden wissbegierigen Damen und Herren (vor allem aber den Damen!), kniend wie ein Büßer, aber doch eigentlich nur zum Schutze des berühmten St. Gallener Parketts, Filzpantoffeln über die Spannen zu stülpen.

So unverfänglich und unspektakulär das scheint, so gefährdet es doch die Keuschheit und damit die Vernunft, das oberste Prinzip an Bord der Bücherarche, wie Fräulein Stark zu bedenken gibt. Sie, die durchsetzungsfähige wie nachgiebige Haushälterin des Onkels, ist der spitze Winkel im dramaturgischen Dreiecksgespann.

Es ist ein außerlehrplanmäßiges Novellenensemble: Eine Titelheldin, die nicht selbst erzählen darf, eine obligatorische "unerhörte Begebenheit", die es so erst einmal nicht gibt; ein etwas weltentrückter Onkel als weise Instanz und ein Sprössling als rückblickender Erzähler, dessen Geschicke nicht auf ein gattungsspezifisches existenzielles Schlamassel hinausläuft.

Der Konflikt, den Hürlimann hier aufziehen lässt, ist die Initiation Nepos. Und zwar die intellektuelle wie auch die hungrig sexuelle. Auf der einen Seite der Zugriff auf den ganzen Bildungsbrokat der Alten Welt: das ziellos neugierige Stöbern und Schmökern, dann schließlich das Recherchieren nach der eigenen Familiengeschichte, wenn sich "gegen drei Uhr nachmittags die ganze Bücherarche mit einem leisen Knarren ins Abendlicht" dreht. Auf der anderen Seite schon am Morgen die wechselndenFroschperspektiven: unter die Rockgewölbe der nicht selten busladungsweise anreisenden Damen. Beiderlei Verlockungen durchschütteln diesen Sommer des Knaben, rufen Fräulein Stark als moralische Kontrollinstanz und Widersacherin aufs Feld.

Zum schönsten dieser Novelle jedoch zählen jene Gedächtnisprotokolle des Erzählers, in denen er uns sein scheinbar täglich lernendes Sensorium vor Augen führt. Das sind wunderbar fabulierende Absätze vom Duft der Frauen einmal nicht achselabwärts, sondern zehenschweißaufwärts, wenn "deutsche Studienrätinnen und weizenblonde Primarlehrerinnen aus Bern-Bümpliz" vor ihn traten: " ... feucht waren ihre Socken, feucht ihre Strümpfe, naß die Sohlen, und wie reizend, wie wunderbar roch dieser Wald aus lauter Beinen nach nasser Wolle, nassen Fellen! Da wußte ich: die Stark hatte recht. ich hatte eine Nase, und diese Nase wollte riechen, riechen!"

Hürlimanns Faible für das von ihm inzwischen zur Marke geprägte Katzenmotiv ist weder Marotte noch hoher Stil. Es kommt einem eher vor wie ein leises Schnurren durch seine Bücher. Sowohl in "Das Gartenhaus" (1989), wo eine schleichende Katze beiläufig das Weiterleben der Seele zu garantieren scheint, als auch im "großen Kater" (1998): der Bundespräsident fühlte sich in seiner trübseligen Kindheit mit einer Katze verbunden und hieß seitdem eben Kater. Der Neffe Nepo, sagt Fräulein Stark, nachdem sie zum ersten Mal zu beobachten glaubt, dass der Sprössling seinen Pantoffeldienst "vielleicht ein bisschen zu gut" macht, Nepo "ist ein kleiner Katz, da müssen wir besonders aufpassen."

Das erzählt Hürlimann schon auch: die nicht ausnehmend rühmliche Familienchronik, verankert am Großvater des Neffen, der als Briefträger begann, zum Seidenfabrikanten aufstieg und wieder ab - zum Bademeister in Kriegszeiten. Das gibt der Novelle Raum, um archetypisch am Beispiel einiger Nebenfiguren und eher durch den Wirtshaus-Spion gesehen Schweizer Geschichte zu erzählen. Aber das sind Standards zeitgenössischen Schreibens. Was so einnimmt für Hürlimanns Erzählen, ist sein glaubhaftes Interesse an seinen Protagonisten, die Nähe zu ihnen, von der bekanntlich die Schärfe der Betrachtung abhängt.

Am Ende, wenn der Neffe Nepo Katz in sein vermutlich wahres Pubertätsdrama aufbricht, zur Klosterschule Einsiedeln in einem "voralpinen Hochkessel", ist der "Strafengel" Fräulein Katz längst Verbündete. Aber das Katzgeschlecht, so werden wir entlassen mit dem letzten Adieu und Augenzwinkern von Onkel und Neffe, das Katzgeschlecht wird sich nicht "wegschummeln" lassen: "Die Katzenbraue stand in die Stirn hinauf wie ein Seidenstrumpf, den ein Strapsbändchen am Oberschenkel in die Höhe zurrt." Das steht der Schweiz doch ganz gut zu Gesicht, oder?

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