Thomas Kapielski : Glänzende Schrullen

Und Prost: Thomas Kapielski lässt den Helden seines Romans „Je dickens, destojewski!“ zwischen zwei Kneipen in Berlin und Bamberg hin- und herpendeln.

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Der Schriftsteller und Künstler Thomas Kapielski, 63, vor einem seiner Bilder. Foto: Suhrkamp/VG Bildkunst
Der Schriftsteller und Künstler Thomas Kapielski, 63, vor einem seiner Bilder.Foto: Suhrkamp/VG Bildkunst

Wer sich im Werk von Thomas Kapielski auskennt, dürfte Mitte dieses Jahres irritiert gewesen sein, als der Suhrkamp Verlag ein Buch dieses Berliner Künstlers, Musikers und Schriftstellers mit dem Titel „Je dickens, destojewski!“ ankündigte. Der Kalauer hat einen ziemlich langen Bart, der zierte schon als Motto Kapielskis Großbuch „Sozialmanierismus“ aus dem Jahr 2001. Eine Neu- oder Wiederauflage also? Tatsächlich nicht – Kapielski findet „Je dickens, destojewski!“ immer noch witzig und wollte den Spruch wohl einmal in voller Pracht auf einem Buchcover verewigt sehen. Was aber auch gut passt. Denn sein nun veröffentlichter „Volumenroman“ hat tatsächlich ein Volumen, wie man es von Dostojewski kennt: 455 Seiten ist er lang, plus einer zweiseitigen „Mannschaftsaufstellung“ zum Schluss, „dergestalt, wie es sich auch für voluminöse russische Romane bewährt hat“, so Kapielski im Prolog seines Romans.

„Seines Romans?“, möchte man sich allerdings ein weiteres Mal irritiert geben. Denn Kapielski ist vieles, bloß kein Romancier, kein Romanschriftsteller. Aber es stimmt: Thomas Kapielski hat tatsächlich einmal nicht nur über sich und seine Welt und insbesondere seine Gedankenwelt und den Fortgang seines Lebens ein Buch geschrieben, sondern tatsächlich eine Art Roman. Mit einem fiktiven Helden, der Ernst L. Wuboldt heißt und zwischen Berlin-Spandau und Bamberg hin- und herpendelt, insbesondere zwischen zwei Kneipen: der Gaststube von Günther Büttelmann (Spandau) und einem Laden namens Fässla-(ß)-Spezial. Zu Wuboldt gesellen sich die ebenfalls fiktiven Stammtischbesatzungen dieser Kneipen, ein paar Tresenkräfte sowie drei weibliche Figuren, die Spindel, Murmel und Bucker heißen und allesamt dem „Örni“ oder „Wu“ (wie er gern genannt wird) sehr zugetan sind (aber nie in die Kneipen gehen). Und zu guter Letzt gibt es noch eine Figur, die wie Ernst L. Wuboldt (der etwa einst einmal „zum Sternwartadjunkten an eine Kunsthochschule zu Braunschweig berufen war“) gleichfalls einige Ähnlichkeit mit dem Autor selbst aufweist und als Mentor, Schreibkraft und Romanverfasser firmiert: der Pohle.

Pohle schaltet sich immer wieder mal ein und gibt Thomas Kapielski die Gelegenheit, den Volumenroman auf einer Metaebene anzusiedeln und dabei über das Schreiben im Allgemeinen und das von Romanen im Besonderen nachzudenken, über Figuren, die Berufe brauchen (oder besser nicht), oder über Texte, die existieren oder auch nicht. Und nicht zuletzt über sich, Kapielski: Etwa wenn Ernst L. (L. wie Leerstelle!) Wuboldt den Pohle beschimpft und diesem sagt, „deine Texte sind eindeutig zu zäh, zu schrullig und zu unzeitgemäß.“

Aber sie sind auch, also die von Thomas Kapielski: originell, von großer Sprachkraft und Sprachkunst, klug, lustig, ironisch, daneben und mehr. So wie dieser Roman. Und der hat schon so etwas wie eine fortlaufende Handlung; eine, in deren Zentrum die Liebe (zu Murmel, Spindel, Bucker) und der Tod (von Bucker, aber auch nicht wirklich) stehen. Doch ist diese Handlung so aufregend nicht, mehr Trickserei und nur dazu da, den Gepflogenheiten eines Romans ansatzweise nachzukommen. Die Pohle-Interventionen sollen ja wirken und den Roman schön altmodisch dekonstruieren. Vor allem aber sollen die Stammtischgespräche über Gott und die Welt ihren Raum bekommen, ihren Platz an der Sonne: die Kommentare zum Zeitgeschehen, die philosophischen und theologischen Erörterungen, die Sprachspielereien, die Aphorismen, die knurrig-kalauernden, unorthodoxen Witzeleien. Über Goethe heißt es zum Beispiel: „Das war doch ein Würdeknallkopp, ein dick gepuderter Pudel war das! Im übrigen auch ein übler, weil stiller Neidknirscher und Wegbeißer“. Über Gott und dessen Umgang mit der Zeit: „Zeit ist nichts für Gott, der quasi bei allem immer dessen inne ist, in allen seinen, des Seienden Phasen.“ Oder über Romanfiguren: „Jaja, ich weiß, teuflischer Pohle! Wir Romanfiguren sind die ewigen Irrläufer, billig abgespeist an euren verschwindelten Roman-Tischen, haha! Alles durch und durch Ironie, nicht so gemeint wie geschrieben, im Grunde gar nicht.“

Halt, stopp, muss man nun einschreiten, das ist schon alles so gemeint und geschrieben – und nicht zuletzt deshalb macht es so viel Spaß, diesen ordentlich aufgepumpten Roman zu lesen. Allzu viel Luft ist darin nicht. Hut ab – und Prost!

Thomas Kapielski: Je dickens, destojewski. Ein Volumenroman. Edition Suhrkamp, Berlin 2014. 458 Seiten, 20 €.

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