Thomas-Mann-Ausstellung in Lübeck : Der Meister und die bildende Kunst

Zur bildenden Kunst pflegte Thomas Mann kein besonders enges Verhältnis. Welche Künstler und Werke er dennoch schätzte, zeigt die Ausstellung „Augen auf!“ in seiner Geburtsstadt Lübeck..

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Porträt Thomas Manns von Max Oppenheimer (1926).
In Öl: Porträt Thomas Manns von Max Oppenheimer (1926).Foto: Wien Museum/Artefakt

Thomas Mann liebte die Musik, das beweisen seine Werke. Zur bildenden Kunst hatte er kein annähernd vergleichbares Verhältnis. Sagte er nicht selbst, er sei „ja eigentlich kein Augenmensch, sondern mehr ein in die Literatur versetzter Musiker“?

Doch schon die frühe Erzählung „Gladius Dei“ aus dem Jahr 1902 handelt von Kunst. Sie spielt in einer Kunsthandlung namens „Blüthenzweig“, die sich als Anspielung auf die Firma Hanfstaengl lesen lässt, einen Verlag für Gemäldereproduktionen. So kommt man Manns Kunstverständnis auf die Spur. Der 16-Jährige nämlich sah in einer Leipziger Illustrierten das populäre Gemälde „Kinderkarneval“ des Münchner Gesellschaftsmalers Wilhelm von Kaulbach abgedruckt und war davon so angetan, dass er sie aus der Zeitung ausriss und sich an die Wand heftete. Welche Überraschung, als er 13 Jahre später das Original erblickte – im Salon der großbürgerlichen Eltern seiner künftigen Braut Katia Pringsheim!

Zufall oder nicht, von solchen Zusammentreffen gibt es mehrere in Manns Leben. Die bildende Kunst spielt darin eine größere Rolle, als der Dichter je zugeben mochte. Nun wird in Manns Geburts- und literarischer Reifestadt Lübeck, erstmals umfassend der Frage nachgegangen, wie es um dieses Verhältnis tatsächlich stand. Unter dem hübschen Titel „Augen auf! Thomas Mann und die bildende Kunst“ untersuchen das Museum Behnhaus Drägerhaus und das nach dem frühen Welterfolg benannte Buddenbrookhaus sowohl, wie Thomas Mann die Kunst, als auch, wie diese den Dichter sah – welche Kunst Thomas Mann der Betrachtung für Wert hielt und wie umgekehrt Künstler ihn sahen und seine Werke illustrierten.

Von Lübeck nach München

Gleich drei der Paneele aus dem 1891 gemalten Wandbildzyklus von Hans Thoma für den Musiksalon im Palais Pringsheim sind in der Ausstellung versammelt, in der Mitte Orpheus mit der Lyra, links der geharnischte Ritter sowie rechts Girlanden tragende Jünglinge im arkadischen Süden, der ja bekanntlich bereits an der Isar beginnt. Der in etwa chronologische Ausstellungsrundgang beginnt also in Lübeck und endet nach Durchgang durch fünf Zimmer in München. Sodann schließen sich weitere, rot gefasste Zimmer im Erdgeschoss an, ehe der Besucher zur zweiten Ausstellung ins Buddenbrookhaus gebeten wird.

Bereits 1908 äußert sich Thomas Mann anerkennend über zwei Skulpturen Ernst Barlachs, die beiden „Bettelweiber“. Etliche Jahre später weilt der Wahlmünchner Mann in Lübeck und macht Bekanntschaft mit Carl Georg Heise, dem umtriebigen Museumsdirektor und bedeutenden Vermittler moderner Kunst in der Weimarer Republik. Durch ihn lernt Mann Franz Masereels „Stundenbuch“ kennen. Die 165 Holzschnitte des Belgiers für diesen „Roman ohne Worte“ treffen Manns Empfinden und veranlassen ihn, indem er Heises Bitte um ein Vorwort für eine „Volksausgabe“ nachkommt, zu seiner wohl dezidiertesten Äußerung zur bildenden Kunst. „Die Menschen fassen schwerlich Vertrauen zu einer Daseinsform, die nur alt ist oder nur neu und jung, nur historisch oder nur modern“, begründet er seine typische Unentschiedenheit: „Es muss beides da sein, wenn sie vertrauen sollen: Vornehmheit und Freiheit, Geschichte und Gegenwärtigkeit. Und eben diese Mischung ist es, die man im Künstlertum Masereels aufs glücklichste verwirklicht findet.“

Zudem macht Heise auf die Fotografien von Albert Renger-Patzsch aufmerksam, aus dessen Arbeiten er das 100-Tafel-Buch „Die Welt ist schön“ zusammenstellt, das Hauptwerk neusachlicher Fotografie. Thomas Mann rezensiert es Ende 1928, wiederum auf Heises Bitten, und nennt die Fotografien, wenn auch gewunden, „Lichtbild-Aufnahmen, in denen Fertigkeit und Gefühl eine solche Verbindung eingehen, dass der Versuchung, sie als Werke eines Künstlers, als Kunstwerke anzusprechen, schwerlich zu widerstehen sein wird“. 25 Jahre zuvor hat er sich, in der Erzählung „Tonio Kröger“, noch von der Fotografie als einer möglichen Kunstform distanziert.

Kaulbachs beschwingter "Kinderkarneval"

Schließlich kommt in der Ausstellung Kaulbachs beschwingter „Kinderkarneval“ von 1888/89 in den Blick – und das ist ein Portrait der fünf Pringsheim-Kinder, mit der seinerzeit sechsjährigen Katia zur Linken. Ein weiterer Höhepunkt ist das Gemälde „Die Quelle“ des Secessionisten Ludwig von Hofmann, das Mann 1914 gesehen und um das er beim Künstler regelrecht geworben hatte: Er sei darin „bis über beide Ohren verliebt“ und lobte die „hohe, neue, festliche Menschlichkeit“. Mann erwarb es und hatte es als lebenslangen Begleiter stets im Arbeitszimmer vor Augen.

So wenig sich Thomas Mann letztlich um Kennerschaft der bildenden Kunst bemühte, so wenig glücklich geriet die Beziehung zu seinen Illustratoren. Im Buddenbrookhaus sind zahlreiche bibliophile Kostbarkeiten zu sehen, doch keine künstlerischen Höchstleistungen. Durchweg ist Mann mit den Illustrationen unzufrieden, und so kommt es lediglich zu einigen schönen Umschlaggestaltungen. Als gelungen kann man im Grunde nur die Titelvignetten von Emil Preetorius für die Novelle „Herr und Hund“ bezeichnen, die scherenschnitthaft den Kopf des Autors umspielen.

Letztlich bleibt das Verhältnis Thomas Manns zur bildenden Kunst also reserviert. In jungen Jahren schrieb er einmal über ein inhaltsschweres Gemälde die erhellenden Worte: „Das Bild hat großen Eindruck auf mich gemacht, woraus wohl ohne Weiteres folgt, daß es malerisch nicht fünf Pfennige werth ist“, fügt dann jedoch hinzu: „Aber es kann nicht so ganz schlecht sein.“ So „ganz schlecht“ waren Manns Kunstgeschmack und -urteil ebenso wenig, aber doch weit davon entfernt, auf der Höhe der Zeit und vor allem auf derjenigen seiner intellektuellen Möglichkeiten zu sein.

Lübeck, bis 6. Januar. Schöner Katalog im Michael Imhof Verlag, 29,90 €.

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