• Thomas Mann vs. Wilhelm Furtwängler: "Ein Austausch über Deutschland hätte wenig Sinn"

Thomas Mann vs. Wilhelm Furtwängler : "Ein Austausch über Deutschland hätte wenig Sinn"

Gehen oder bleiben: Klaus Kanzog stellt den Streit zwischen dem Emigranten Thomas Mann und dem vermeintlich inneren Emigranten Wilhelm Furtwängler, der den Nazis doch mit triumphalen Konzerten diente, als exemplarischen Fall dar.

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Thomas Mann im Jahr 1937.
Foto: Library of Congress/Van Vechten

Die Deutschen, schrieb Thomas Mann im Juli 1947 an Wilhelm Furtwängler, seien „im Ganzen kein sehr wahrheitsliebendes Volk und hassen die Psychologie, weil wohl die unsre allzu merkwürdig ist.“ Er schlug damit die handschriftliche Einladung zum Treffen mit einem Mann aus, dem er zwar versicherte, ihn für „den größten Dirigenten der Gegenwart“ zu halten, aber keine Hoffnung auf ein fruchtbares Gespräch machen konnte: „Ein Austausch über Deutschland, der doch auch den über Ihren eigenen, für mich keineswegs ,erledigten’ Fall einschlösse, hätte wirklich wenig Sinn, böte geringe Aussicht auf Verständigung.“

Drei Monate zuvor, am 25. Mai 1947, hatte Furtwängler sein erstes umjubeltes Konzert im Berliner Titania-Palast nach einem langwierigen Entnazifizierungsverfahren gegeben. Noch im Februar 1946 hatten ihn die US-Militärbehörden mit einem Auftrittsverbot belegt. 16 Mal klatschte man ihn nach seinem Beethoven-Programm mit der Fünften, der Schicksalssymphonie, auf die Bühne. Mann indessen, seit 1944 amerikanischer Staatsbürger, hatte sich am 10. Mai in New York auf der Queen Elizabeth nach Southampton eingeschifft. Zum ersten Mal seit dem Krieg sah er Europa wieder – auch wenn er von Deutschland bis 1949 nichts wissen wollte. Er verbrachte den Sommer in der Schweiz, wo er unter anderem die Fahnen des „Doktor Faustus“ korrigierte, jenes großen Romans über den Tonsetzer Adrian Leverkühn, in dem er die Katastrophe des Nationalsozialismus zu begreifen versuchte.

Der Fall Furtwängler ist vielfältig überliefert – zuletzt 2012 in Klaus Langs Buch „Wilhelm Furtwängler und seine Entnazifizierung“ (Shaker Media), das die Protokolle der Vernehmungen in ein Stück Dokumentartheater verwandelt und noch einmal klarstellt, dass der Künstler kein Nazi gewesen sei. Nichts anderes hatte Yehudi Menuhin schon im Dezember 1945 erklärt. Die Sache war nur von Anfang an sehr viel komplizierter, wie die französische Furtwängler-Gesellschaft mit einem zeitgenössischen „New York Times“-Dossier dokumentiert. Sonst hätte sich der Doktor, wie er sich ansprechen ließ, in Ronald Harwoods, später von István Szabó verfilmtem Stück „Taking Sides“ wohl auch nicht postum als schillernde Bühnenfigur geeignet.

Bitte keine Politik. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler
Bitte keine Politik. Der Dirigent Wilhelm FurtwänglerFoto: Library of Congress

Klaus Kanzog, ein emeritierter Münchner Germanist, dem Furtwängler 1942 Beethovens Neunte offenbarte, erhebt sich in „Offene Wunden“ (Thomas-Mann-Schriftenreihe, Fundstücke, Band 6, Königshausen & Neumann, Würzburg 2014, 117 Seiten, 19,80 €) allzu leichtfertig über diese fiktionalisierten Formen. Allerdings dürfte es keine Darstellung geben, die die moralischen Ambiguitäten so knapp, gründlich und mit 20 Seiten Fußnoten nachzeichnet – und im Anhang alle einschlägigen Dokumente zur Verfügung stellt.

Mann, der Emigrant, und Furtwängler, der zumindest seinem Selbstverständnis nach innere Emigrant, treten als Antipoden eines Konflikts auf, der weit über die Haltung zu Hitlers Deutschland hinaus aufschlussreich ist. Man kann ihn glatt als Vorwegnahme der Bürgerrechts- und Ausreisedebatten der DDR lesen, wenn nicht als exemplarisch für jeden autoritären Staat. Wo kann sich ein Künstler mit persönlichem Anstand beruhigen, wo darf er mit Blick auf die transzendenten Qualitäten seines Tuns dem allzu Irdischen entsagen, wo ist er zu Umsturz und Tyrannenmord aufgefordert?

Mit dem Brief an Furtwängler und einem an den Berliner Spätexpressionisten Ewald Vetter enthält der Band überdies zwei bisher ungedruckte Schreiben Manns, die in Kanzogs sehr viel kürzerem Vortragsmanuskript auf der Website der deutschen Furtwängler-Gesellschaft nur zitiert werden. Vetter gegenüber bekräftigte er seine ablehnende Haltung, nach Deutschland zurückzukehren: „Allzu sehr fehlt es mir heute an Zeichen der Scham und Reue über die unvergessbare Schande. Soviel ich sehe und höre sind Unschulds- und Gekränktheitspathos jetzt ebenso verbreitet wie damals die hirnlose Kapitulation vor Mächten, denen doch die letzte Niedertracht, Krieg, Tod und Verderben an die Stirn geschrieben stand. Ich, als deutschbürtiger Mensch und Geist, fühlte tief und schmerzlich meine Teilhaberschaft an der deutschen Schuld.“

Mit Furtwänglers Linie war das nicht zu vereinbaren. Seine Verteidigungsrede vor der Entnazifierungskommission gipfelt in dem Passus: „Meint Thomas Mann wirklich, dass man im Deutschland Himmlers nicht Beethoven musizieren durfte? Konnte er sich nicht denken, dass niemals Menschen es nötiger hatten, es inniger und schmerzlicher ersehnten, Beethoven und seine Botschaft der Freiheit und Menschenliebe zu hören, zu erleben, als gerade die Deutschen, die unter dem Terror Himmlers leben mussten? Ich konnte Deutschland in seiner tiefsten Not nicht verlassen!“

Die zeitgeschichtliche Dimension erscheint bei Kanzog in der Unterscheidung des Philosophen Karl Jaspers zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld, wie in tagesaktuellen Kommentaren. Erik Reger schrieb im „Tagesspiegel“, dass es womöglich besser wäre, „wir könnten mit einem guten politischen Gewissen fünfzig Jahre nur Weihnachtslieder auf Drehorgeln hören als Beethoven von Virtuosen interpretiert, die keine Gewähr dafür bieten, dass sie, käme ein neuer Hitler, ihre angeblich souveräne Kunst auch zu seinem Wohlgefallen wieder über alles stellten.“ Anhand von Goebbels’ Tagebüchern zeigt Kanzog aber auch, wie man mit teuflischer politischer Taktik aus einem Widerständler, der sich für den verfemten Paul Hindemith eingesetzt hatte, einen Kollaborateur machte, ohne ihm das Gefühl zu geben, er habe seine Überzeugung auf ganzer Linie verraten.

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