Thomas Melles Roman "Sickster" : Sprung im Schädel

Aus der Welt: Thomas Melles maßloser und mitreißender Roman „Sickster“

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Aus der Sicht des Geisteskranken sind in Wahrheit stets alle anderen die Verrückten, während er selbst sich in Besitz einer höheren Wahrheit glaubt. Und nicht selten stimmt das sogar. Es fehlt oft nur das Medium, um diese Wahrheit zu kommunizieren. Die Kunst, in der ohnehin alles erlaubt ist und alles gelten darf, ist so ein Medium. Und so muss man, aus der Sicht des vermeintlich Normalen jedenfalls, konstatieren: Thomas Melles Roman „Sickster“ ist, wie der Titel schon verrät, ein durch und durch krankes Buch. Dieses Buch handelt nicht von einer Krankheit. Es ist die Krankheit selbst. Dieser Radikalität in Inhalt und Form muss man Respekt zollen; man findet sie so nicht oft in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Aber wie zeigt sich das? Und vor allem: Was bedeutet das?

Die ersten 130 Seiten lesen sich noch so, als würde Thomas Melle, der nach seinem viel beachteten Erzählungsband „Raumforderung“ nun sein Romandebüt vorlegt, hier eine ganz besonders harte Fallstudie vorlegen, die Rückschlüsse zulassen könnte auf das überforderte Individuum in der Tretmühle der neoliberalen Wirtschaftswelt. Erzählt wird von Thorsten Kühnemund, der in der Berliner Zentrale eines international operierenden Mineralölkonzerns Marktstatistiken und Verbraucheranalysen auswertet, um in den einzelnen Filialen für eine Gewinnoptimierung zu sorgen.

Einfacher gesagt: Er legt fest, in welchem Regal Colaflaschen und an welcher Stelle die Alkopops zu stehen haben. Thorsten ist ein Wrack: Von der sexualisierten Bilderflut der Medien abgestumpft und auf inneren Dauerporno justiert, durch die Anforderungen der Arbeitswelt zum Alkoholiker geworden, bekommt er eben gerade alles so hin: Beziehung, Affäre, Job. Gerade noch. Noch. Würdelos ist das bereits, und das weiß er. Sein Wissen spült er herunter, mit allem, was so da ist, und es ist immer etwas da. Apfelkorn, Bier, Jägermeister, Wodka-Red Bull. Vor allem letzterer, der Treibstoff der auf gute Laune und Durchhalten getrimmten Agenturgeneration.

Dass es Thomas Melle allerdings nicht darum geht, nicht um einen weiteren Bret-Easton-Ellis-Aufguss, ist seiner Sprache von Beginn an anzumerken. Sie transportiert keinen dekadenten Ennui, sondern Anspannung; ist aufgeladen, bildhaltig, verquer. Und spätestens wenn Melle die Erzählperspektiven wechselt und Thorstens Freundin Laura, vor allem aber den als Texter für den Konzern angeheuerten Magnus Taus Stück für Stück in den Mittelpunkt rückt, kippt das, was man bislang noch als Sozialstudie lesen konnte (wenn man denn wollte), in einen pathologischen Rausch. Was zuvor zu ahnen war, wird nun endgültig Gewissheit: Es gibt innerhalb des Textes selbst keinen Fixpunkt, an dem irgendeine Form von Gesundheit im medizinischen Sinne Gestalt gewinnen könnte.

Es existiert auch keine Gegenposition mehr, an der sich abgearbeitet wird, es sei denn eine in schizoiden und paranoiden Schüben nur noch als „DIE“ wahr genommene, amorphe Masse. Das macht „Sickster“ gefährlich – und das gefährdet den Roman aus literarischer Sicht auch. Es ist ein radikaler, ungeschützter Roman, dessen (trotz des urbanen Raums, in dem er sich bewegt) von Beginn an enge Welt sich schnell nur noch auf drei Gehirne konzentriert. Magnus Taus, Mitte 30, dem, wie die Exposition verrät, bereits Ende der neunziger Jahre eine „sogenannte Schizophrenie“ und noch dazu ein nicht therapierbarer Tinnitus diagnostiziert wird („schon vor der Pubertät eine Art Wissender, halb Autist, halb Tourette"), fällt aus der Welt heraus. Oder die Welt aus ihm.

„Die Stimmung“, so heißt es auf dem Höhepunkt, „war umgeschlagen, es hatte einen Sprung gegeben, in der Atmosphäre, der Luft, dem Licht.“ Landläufige Meinungen würden dagegenhalten, es sei der Sprung in seiner eigenen Schüssel, der sich verbreitert hat. Doch das ist nicht wichtig für den Roman, der konsequent an der Seite von Magnus bleibt und dabei in Kauf nimmt, in die Fahrwasser des Unmittelbarkeitskitsches zu geraten, nämlich dann, wenn die Metaphern, der „Stich ins Herz“, das „Brennen unter den Nägeln“, keine Metaphern mehr sind, sondern als konkrete Empfindungen ankommen. Wo eine derartige Raserei endet, lässt sich ahnen – in der geschlossenen Abteilung der Berliner Charité. Dort trifft Magnus auf Laura, Thorstens Freundin. Es wird nicht ihre letzte Station sein.

„Sickster" ist, keine Frage, ein so verwirrendes wie mitreißendes Buch, in jeder Hinsicht überschießend, maßlos, weniger Ferndiagnose als vielmehr Selbsttherapie. Wenn sich überhaupt ein generationentypisches, gesellschaftsdiagnostisches Potential darin verbirgt, dann liegt es darin, dass der Roman geradezu sehnsuchtsvoll um eine Leerstelle kreist. Man darf sie Geborgenheit nennen.

Thomas Melle: Sickster. Roman.

Rowohlt Berlin,

Berlin 2011.

336 Seiten, 19,95 €.

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